Drei bis vier Monate Amtszeit
Afghanistan-Konferenz ringt um Übergangsregierung

Die Afghanistan-Konferenz bei Bonn hat am Wochenende unter hohem internationalen Druck um die Zusammensetzung einer Übergangsregierung für das weitgehend zerstörte Land gerungen.

Reuters BONN. Im Zentrum der Verhandlungen der vier afghanischen Delegationen stand nach Angaben westlicher Diplomaten die Verteilung der Kabinettsposten unter der Nordallianz und den Exil-Gruppen. Als möglicher Regierungschef wurde Hamid Karsai genannt. Der Paschtunenführer kämpft zurzeit gegen die radikal-islamistischen Taliban in Kandahar. Zuvor hatten sich die Reformer in der Nordallianz offenbar gegen die alte Garde um Präsident Burhanuddin Rabbani durchgesetzt.

In der Nacht zum Sonntag hatten sich die Delegierten auf die Strukturen einer Übergangsregierung geeinigt. Westliche Diplomaten sagten, die Verwaltungsspitze solle zwischen 25 und 30 Mitglieder zählen und voraussichtlich drei bis vier Monate amtieren. Danach solle dann die traditionelle Große Versammlung "Loja Dschirga" eine Verfassung ausarbeiten. Die grundsätzliche Einigung auf eine Übergangsverwaltung ging auf einen Vorschlag des Sonderbeauftragten der Vereinten Nationen (UNO), Lakhdar Brahimi, nach Einzelverhandlungen mit den Delegationen zurück.

Der in englischer, paschtunischer und persischer Sprache unterbreitete Brahimi-Vorschlag sieht den Diplomaten zufolge auch die Einrichtung einer internationalen Friedenstruppe unter UNO-Mandat vor. Die Exil-Afghanen hatten eine solche Truppe zur Voraussetzung für ihre Rückkehr gemacht. Das ursprüngliche Ziel, bei der Petersberg-Konferenz auch ein Übergangsparlament zu benennen, wurde wegen zu großer Differenzen aufgegeben.

Die Verhandlungen unter der Schirmherrschaft der UNO hatten am Dienstag im Gästehaus der Bundesregierung begonnen. Außer der Nordallianz sitzen Vertreter von drei Gruppen von Exil-Afghanen am Tisch: Delegierte des im römischen Exil lebenden Ex-Königs Sahir Schah, der von Iran unterstützte "Zypern"-Gruppe und der "Peshawar"-Gruppe, benannt nach einer Stadt in Pakistan.

Ehemaliger König soll "Große Versammlung" leiten

Nach der Klärung der Struktur einer Übergangsverwaltung wurde am Sonntag weiter über die Besetzung der Kabinettsposten verhandelt. Westliche Diplomaten sagten, die monarchistische "Rom"-Gruppe solle das Vorschlagsrecht für den Regierungschef haben. Der in der afghanischen Bevölkerung hoch angesehene 87-jährige Ex-Monarch solle dann der Loja Dschirga vorstehen.

Es zeichne sich ab, dass einige Politiker in Kabul ihre Aufgaben in der Übergangsregierung behalten sollten, hieß es. So werde der Führer der Allianz-Delegation und Innenminister Junis Kanuni voraussichtlich im Amt bleiben. Auch Außenminister Abdullah Abdullah dürfte seinen Posten behalten. Beide werden einer Gruppe junger Reformer zugerechnet, die als Gegenspieler Rabbanis gelten. In Verhandlungskreisen hieß es dagegen, gegen Kanuni und Abdullah rege sich Widerstand, weil beide Tadschiken seien. Damit wäre diese Volksgruppe überrepräsentiert.

Als möglicher Regierungschef wird den Diplomatenangaben zufolge Hamid Karsai genannt. Karsai ist ein prominenter Führer der Paschtunen, der mit 40 Prozent größten Volksgruppe im Land. Karsai wollte an der Konferenz ursprünglich als Delegierter der "Rom"-Gruppe teilnehmen, konnte das Land wegen der Kämpfe um Kandahar aber nicht verlassen. Als Ministerpräsident wird nach Angaben aus Delegationskreisen aber auch der Enkel von Ex-König Sahir Schah, Mustafa Sahir, genannt. Er wird ebenfalls den Paschtunen zugeordnet.

Interner Streit in der Nordallianz

Der Vorschlag des UNO-Vermittlers Brahimi sieht den Angaben westlicher Diplomaten zufolge keine tragende Rolle mehr für Präsident Rabbani vor, der in den 80-er Jahren eine zentrale Rolle im Kampf gegen die sowjetischen Besatzer gespielt hatte. Ein interner Streit in der Nordallianz hatte die Konferenz zeitweise lahm gelegt. Rabbani hatte sich faktisch gegen eine UNO-Schutztruppe ausgesprochen und mit der Delegation der Nordallianz um Kanuni bei der Erstellung von Namenslisten für die Übergangsgremien nicht zusammengearbeitet. Kanuni hatte Rabbani daraufhin öffentlich gedroht, ihn zu umgehen. Unter Diplomaten wurde befürchtet, dass Rabbani ein Abkommen von Bonn in Frage stellen könnte. Außenminister mehrerer Länder hätten in den vergangenen Tagen politischen Druck auf Rabbani ausgeübt.

"Dies ist kein Kurzstreckenlauf, sondern eher ein Marathon", sagte UNO-Sprecher Ahmed Fawzi mit Blick auf die Dauer der Verhandlungen. Es sehe aber die Ziellinie in den nächsten 24 Stunden, sagte er am Sonntagvormittag. Zum Abschluss der Konferenz wolle auch Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) auf den Petersberg kommen. In der Bundesregierung wurde das zunächst nicht bestätigt, aber für möglich gehalten. Außenminister Joschka Fischer (Grüne) hatte die Konferenz eröffnet.

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