Drei Jahre Baisse: Profis sehen keine Erholung

Drei Jahre Baisse
Profis sehen keine Erholung

Die Voraussetzungen für eine Trendwende an den Börsen fehlen. Das meinen Analysten. Viele Ungleichgewichte in der Wirtschaft, etwa die hohe Verschuldung der Verbraucher, drücken auf die Kurse.

DÜSSELDORF. Die Baisse steckt an. Kaum jemals zuvor beurteilten Investmentbanken die Aussichten für die künftige Börsenentwicklung skeptischer als derzeit. Und das bei Kursen, die zwischen 35 % im Dow-Jones und 70 % im Deutschen Aktienindex unter dem Niveau von März 2000, dem Höhepunkt des vergangenen Booms, liegen.

Noch Anfang 2003 sprach aus Sicht fast aller Analysten die scheinbar niedrige Aktienbewertung für steigende Kurse. Merrill-Lynch-Stratege Richard Bernstein, der ein viertes Baisse-Jahr in Folge vorhersagte, gehörte zu den Ausnahmen. Doch nach einem miserablen Jahresstart stehen die Risiken im Vordergrund. Einschätzungen wie die von Morgan Stanley sind die Ausnahme: Das Investmenthaus stemmt sich gegen den Pessimismus und meint, dass der drohende Irak-Krieg die Sichtweise negativ beeinflusse. Als Beispiel hebt Morgan Stanley die Trendwende bei den Unternehmensergebnissen hervor. Diese bessern sich immerhin schon seit dem dritten Quartal des vergangenen Jahres, ohne dass Anleger dies honorierten.

Für die meisten Analysten ist der drohende Irak-Krieg zwar ein Hindernis für steigende Kurse, aber längst nicht das größte. Als Hauptbelastungen gelten Ungleichgewichte wie das hohe US-Leistungsbilanzdefizit, der Dollar-Verfall und dadurch bedingt der Euro-Boom samt Exportschwierigkeiten für Europa. Der Münchener Vermögensverwalter Jens Erhardt setzt noch ein Problem oben drauf: "Das Verschuldungsproblem bei Verbrauchern und Unternehmen wird unterschätzt." Weil jeder spare anstatt zu investieren, gehe die Volkswirtschaft auf Talfahrt. "Konsolidierung löst das Problem nicht. Ebenso wenig aber die Flucht der Amerikaner nach vorn, indem sie sich weiter verschulden", sagt Erhardt.

Der seit Jahrzehnten erfahrene Vermögensverwalter sieht in dieser Baisse Parallelen zur Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren und zur Talfahrt 1973/74 während der Ölkrise. In allen drei Fällen habe die Notenbank erst die Inflation gebremst, dann mit massiven Zinssenkungen die Wirtschaft angekurbelt und dadurch eine "Verschuldungsbaisse" an den Märkten ausgelöst. "Wir bleiben auf dem Leidensweg. Eine Wende an den Börsen steht nicht vor der Tür", sagt Erhardt schwierige Zeiten voraus. Mehr als eine "Bärenmarktrally", in der die Kurse beispielsweise bei einem für die Amerikaner erfolgreich verlaufenden Irak-Krieg kurzzeitig steigen, sieht er nicht.

Ganz oben auf der Pessimisten-Rangliste steht Merrill Lynch. Das Investmenthaus sieht als Voraussetzung für ein Ende der Baisse niedrige Aktien-Bewertungen und steigende Firmenergebnisse. Beides sei nicht vorhanden. Hinsichtlich der zu erwartenden Gesamtrendite - also Dividenden und Kursveränderungen - hält Merrill die Situation sogar für schlimmer als in den dreißiger Jahren. Damals war der Dow-Jones-Index in 34 Monaten um 87 % gefallen und anschließend in nur zwölf Monaten um 50 % gestiegen. Um nicht schlechter abzuschneiden, müssten US-Aktien bis 2009 eine Gesamtrendite von 6,5 % pro Jahr bringen. Das erwartet Merrill nicht.

Pessimismus versprüht auch Credit Suisse First Boston (CSFB). Ungewissheit und damit eine hohe Risikoaversion beständen auch nach einer Lösung des Irak-Konflikts fort. Dafür dürften die Angst vor Terror-Gegenschlägen, aber auch konjunkturelle Unwägbarkeiten sorgen. Ebenso wie bereits die europäischen Indizes könnte dann auch die US-Börse auf neue Tiefs fallen, meint CSFB. In ihrem Szenario schätzen sie den deutschen Markt am schlechtesten ein, obwohl der Dax unter allen großen Indizes mit 70 % am meisten verloren hat. So seien Bank-Aktien immer noch zu teuer, weil die Konzernergebnisse schneller als die Kurse fielen. Wegen niedriger Bewertung empfiehlt CSFB aus dem Dax nur VW und SAP.

Der dritte große Pessimist im Bunde, Dresdner Kleinwort Wasserstein, hat Aktien aus Kontinentaleuropa "stark untergewichtet". Als herausragendes Problem sieht DKW immer größere Pensionsrisiken der Unternehmen. Während der Hausse brauchten die Firmen ihre Pensionskassen kaum aufzufüllen, weil Aktienbestände an Wert gewannen. Nun müssen laufende Einnahmen abgezweigt werden, um den Verpflichtungen gegenüber den Betriebspensionären gerecht zu werden. Auf Grund solcher Befürchtungen hatte Standard & Poor?s Thyssen-Krupp vor einigen Tagen heruntergestuft. Anleihen und Aktien des Konzerns brachen daraufhin ein. Mit negativen Pensionsüberraschungen rechnet DKW bei Degussa, Henkel, Infineon, Lufthansa, Commerzbank und bei der ohnehin stark gebeutelten Hypo-Vereinsbank.

Charttechniker beobachten den Pessimismus mit Interesse. Sie setzen darauf, dass noch mehr Finanzhäuser und Investoren die Nerven verlieren und kapitulieren. Das würde den notwendigen Ausverkauf an den Börsen hervorrufen. Idee dabei ist, dass Pessimisten abseits der Börse stehen und deshalb als potenzielle Verkäufer nicht in Frage kommen. "Alle, mit denen wir sprechen, sind schlechter Stimmung. Keiner rechnet mit steigenden Kursen", meint Uwe Wagner von der Deutschen Bank. Die zuletzt stark gesunkenen Börsenumsätze deutet Wagner als ein Ausdorren der Angebotsseite und meint: "All das sind Indizien dafür, dass wir in der letzten Phase der Baisse angekommen sind."

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