Drei Messer im Rücken
Kommentar: Optimisten-Falle

Den Neue-Markt-Aktien geht es wie den Tulpenzwiebeln im Jahre 1636: sie sind zu teuer. Hollands Spekulanten legten in der Hochphase der Spekulation ein Vermögen für die Liliengewächse auf den Tisch. Für eine Zwiebel der seltenen Sorte "Semper Augustus" berappten sie 24 Wagenladungen Korn, acht Mastschweine, vier Kühe, vier Fässer Bier, 1 000 Pfund Butter und einige Tonnen Käse.

Zwischen den beiden Spekulationsblasen liegen Jahrhunderte. Aber der Zusammenbruch von Märkten nach Kursexzessen gehorcht immer den gleichen Mustern. In extremen Situationen ist das Gegenteil richtig: Gut ist schlecht, und schlecht ist gut. Verkaufe bei guten Nachrichten und steige bei schlechten ein, lautet eine alte Börsenregel. EM.TV lässt grüßen. Bei Kursen über 100 Euro schwärmten die Analysten von den Zukunftschancen der Medienaktie. Wer sich von der guten Stimmung anstecken ließ und kaufte, erlöst heute nur noch 6 Euro - Vermögensvernichtung pur.

Der Börsen-Laie rauft sich die Haare. Wer einmal probiert hat, vor dem Spiegel ebenjene zu schneiden, weiß, wie schwer die Orientierung in einer verkehrten Werte-Welt fällt. Nach links schneiden, wenn man rechts die Haare kürzen will. Genau das ist die Gewinnerstrategie in extremen Börsensituationen. Wer EM.TV und "Semper Augustus" zur rechten Zeit verkaufte, machte das Geschäft seines Lebens. Wer zu spät kam, den bestrafte die Börse. EM.TV-Aktionäre stehen jetzt ebenso vor einem Scherbenhaufen wie derjenige Utrechter Bürger, der seine Brauerei gegen drei Tulpenzwiebeln eingetauscht hatte.

In extremen Börsenlagen gilt der gesunde Menschenverstand nicht mehr viel. Der Mensch ist eben ein Herdentier, getrieben vom Tun der anderen und ihren Meinungen. Was andere für gut halten, akzeptiert man gerne. Häufen sich die Kaufempfehlungen für eine Aktie, greift man selber zu. Der Optimismus der anderen und die Kurssteigerungen bestätigen das eigene Denken. Die Hausse mutiert zur übersteigerten Euphorie.

Die Hausse stirbt in der Euphorie

In dieser Zeit hängt der Himmel scheinbar voller Geigen. Es wird von Wachstum und Gewinnphantasie geschwärmt. Wer will sich bei so schönen Aussichten schon etwas von zu teuren und zu hoch bewerteten Aktien erzählen lassen? Kaum einer. In Wahrheit aber haben alle Aktien-Fans in dieser Situation schon gekauft, fallen demnach als zukünftige Käufer und Kurs-Stimulatoren aus. Deshalb stirbt die Hausse in der Euphorie.

Die Börsen-Annalen bieten eine reichhaltige Auswahl an Spekulationsblasen. Der Exzess am Neuen Markt hat allerdings einen Sonderplatz als eines der spektakulärsten Beispiele sicher. Möglicherweise entweicht die letzte Luft aus der Blase auch in einer Art und Weise, wie man es aus früheren Beispielen kennt. Dann sollten die Anleger auf den Tag der Ausverkaufsstimmung bei extremen Kursverlusten warten. Erst die schiere Hoffnungslosigkeit böte wieder einen tragfähigen Kurs-Boden. Dann haben alle potenziellen Verkäufer dem Markt ade gesagt. In dieser Panik wird die Hausse geboren.

Die Anleger haben sich von der Party am Neuen Markt - selbst nach 60 % Indexverlust - noch nicht verabschiedet. Ein Banker versetzte sich neulich in ihre Stimmungslage und beschrieb sie wie folgt: Mit drei Messern im Rücken gehen wir noch nicht nach Hause. Das stärkt den Stimmungstheoretikern den Rücken. Für Käufe ist es noch zu früh.

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