Drinnen nehmen alle das Ritual ernst
Starker Tobak

Mit schamanischen Ritualen bekommen gestresste Manager eine vollkommen neue Perspektive

Die Vorbereitungen auf das Schamanen-Ritual in einem Münsteraner Tagungszentrum hatten es in sich. Den ganzen Tag fasteten die 20 Seminarteilnehmer, und abends gab es für sie einen Sud aus eingeweichten Tabakblättern. Der wurde durch die Nase eingezogen. "Das war nicht ganz so angenehm, aber es hat sich gelohnt", erinnert sich Alexander Ranft. Später, so berichtet er weiter, baute der Schamane, der extra aus Südamerika ins Westfälische geflogen war, einen ökumenischen Altar auf. Dort legte jeder der Gruppe einen Gegenstand ab, der ihm viel bedeutet. Ranft brachte eine Gitarre mit.

Der 30-jährige Musikunternehmer ist in Münster Chef einer Plattenfirma. Er weiß, dass draußen viele die Sitzungen als Schabernack abtun. Doch drinnen nehmen alle das Ritual ernst. Zum Beispiel das Reinigen des Zimmers mit Räucherstäbchen. Alle trinken Ayahuasca-Sirup, gewonnen aus Dschungel-Lianen. Ayahuasca heißt zu Deutsch "Liane der Geister". Die berauschende Wirkung setzt nach wenigen Minuten ein.

Kleine Nebenwirkung: Übelkeit, aber dafür gibt es ja persönliche Plastiktüten. Und weiter geht?s: Das Licht wird ausgeschaltet, die Teilnehmer sitzen im Kreis, starren in die kleine Feuerschale in der Mitte. Sie lauschen den spirituellen Liedern des Schamanen, der sich in Trance singt, um Wesen anderer Welten um Hilfe zu bitten. Ranft empfand die Nacht wie eine "Wanderung durch sich selbst". Einige Teilnehmer hatten Schmerzen, Ranft litt unter Ängsten, die sich im Laufe der Nacht auflösten.

Drei Mal hat er nun ein solches Ritual mitgemacht. Jedes Mal half es. "Mein Leben hat sich dadurch stark verändert", so Ranft. Er lebe bewusster, konzentriere sich auf essenzielle Dinge, beruflich wie privat. Er esse weniger, schaue weniger Fernsehen.

Eine Therapie in nur drei Nächten und für wenige hundert Euro? "In den 80er-Jahren war Schamanismus in Mode, nun wird er wieder populär", sagt Walter Mayer vom Institut für Grenzwissenschaften der Psychologie in Freiburg und Buchautor. "Er passt in unsere Zeit: Die Techniken lassen sich an viele Weltanschauungen koppeln und sind schnell erlernbar." Der Psychologe erläutert: "In England und Skandinavien kooperieren manche Kliniken mit Geistheilern und Schamanen." In Deutschland seien die Skepsis und Ignoranz der Schulmedizin dagegen groß. Tatsächlich haben die meisten Ärzteverbände keine "offizielle Meinung" zum Schamanismus.

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