Dritter Import humaner embryonaler Stammzellen in Deutschland: Neue Ära in der Genforschung

Dritter Import humaner embryonaler Stammzellen in Deutschland
Neue Ära in der Genforschung

Das deutsche Stammzellgesetz von 2002 erlaubt die Forschung an humanen embryonalen Stammzellen. Bereits drei Forschergruppen erhielten in den vergangenen Wochen die Genehmigung für den Import der umstrittenen Zellen. Viele Wissenschaftler zeigen jetzt Interesse, denn die medizinischen Chancen erscheinen riesig.

DÜSSELDORF. Nach monatelangem, fast jahrelangem Streit in Deutschland über die Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen sind nun die Wissenschaftler am Zug: Die Arbeit mit den einst umstrittenen Zellen ist in den Labors fast schon Normalität. Das Robert Koch Institut bewilligte in diesem Monat bereits den dritten Import embryonaler Stammzellen. Ein weiterer Antrag wird von dem Berliner Institut gerade bearbeitet.

"Es gibt viele, die jetzt auf den fahrenden Zug aufspringen wollen", sagt Jürgen Hescheler, Mediziner an der Universität zu Köln. Er bekam im Januar die Erlaubnis für den Import embryonaler Stammzellen. Inzwischen habe es viele Anfragen anderer Wissenschaftler gegeben, die bei ihm mitarbeiten wollten, berichtet Hescheler. Und seine Mitarbeiter freuten sich derzeit über zahlreiche Abwerbungsversuche. Auch sein Kollege Wolfgang-Michael Franz von der Universität München, der nun ebenfalls eine Importgenehmigung bekam, schätzt, dass es künfig "sicherlich noch einige Anträge geben" werde.

Denn die medizinischen Chancen, die mit der Forschung an embryonalen Stammzellen verbunden sind, erscheinen zunächst riesig. Die Vorteile der Zellen: Sie können über einen langen Zeitraum zu praktisch unerschöpflichen Mengen vermehrt werden. Außerdem sind sie pluripotent, das bedeutet man kann aus diesen Zellen im Prinzip alle Körperzellen gewinnen. Damit sind sie eine Spenderquelle für verschiedenste Organe und Gewebe, vor allem für solche, die sich schlecht erneuern, wie etwa Zellen des Nervensystems, insulinbildende Zellen der Bauchspeicheldrüse oder Herzmuskelzellen.

Beide Wissenschaftler, Hescheler wie auch Franz, wollen versuchen, aus den humanen embryonalen Stammzellen Herzmuskelzellen für Transplantationen zu gewinnen. Hescheler arbeitet bereits seit vielen Jahren mit embryonalen Stammzellen der Maus. Dabei habe es drastische Verbesserungen gegeben, sagt er. Die Folgeerscheinungen von Herzinfarkten seien praktisch nicht mehr vorhanden.

Gut zehn Jahre werden allerdings noch vergehen, bis die ersten klinischen Anwendungen erfolgen können. Der Markt, der dahinter steckt, ist riesig: Mehrere Mrd. Euro werden pro Jahr für Herzmedikamente ausgegeben. Der Herzinfarkt gilt hier zu Lande als Todesursache Nummer eins.

Doch auch auf anderen Feldern wird mit embryonalen Stammzellen gearbeitet. Der Neurologe Oliver Brüstle von der Universität Bonn - wegen seines Engagements schon als "Medienstar" betitelt - forscht bereits seit Anfang des Jahres an humanen embryonalen Stammzellen. Dabei sucht er nach Therapien gegen schwere Nervenleiden wie Parkinson oder Multiple Sklerose. Mit den embryonalen Stammzellen will er neue Möglichkeiten für Transplantationen schaffen. Doch auch Brüstle sieht erste klinische Anwendungen frühestens in zehn Jahren. Sicherlich auch, um keine falschen Hoffnungen zu wecken.

Bevor es allerdings zu solchen Anwendungen kommt, muss eine Grundsatzfrage geklärt werden: Dürfen embryonale Stammzellen künftig auch in Deutschland hergestellt werden? Das deutsche Stammzellgesetz aus dem vergangenen Jahr erlaubt zwar die Forschung, nicht aber die Herstellung humaner embryonaler Stammzellen. Das Problem: Deutsche Stammzellforscher halten die jetzt gelieferten embryonalen Stammzellen aus den USA oder aus Israel für nicht geeignet, um sie auf Menschen zu übertragen.

Denn dafür müssten sie in einer großen Reinheit hergestellt werden. Verunreinigungen durch Viren oder Bakterien müssten absolut ausgeschlossen werden, außerdem müssten die Zellen bezüglich ihrer Gewebeverträglichkeit genau charakterisiert werden. Und das, so meint beispielsweise Stammzellforscher Hescheler, gehe am besten, wenn es in Deutschland eine eigene Stammzellbank gebe. Rund 300 Stammzellenlinien sollten dort hergestellt werden, die dann circa 90 % der Patienten versorgen. Doch von einer eigenen Produktionseinheit, schätzt Wissenschaftler Franz, "sind wir weit entfernt".

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