Drogenbeauftragte greift Kassen scharf an
Weniger Drogentote in Deutschland

Die Zahl der Drogentoten sinkt weiter. Im ersten Halbjahr 2002 starben 586 Menschen am Konsum vor allem von Heroin. Das waren fast 30 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum, teilte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk (SPD), am Donnerstag in Berlin mit.

dpa/HB BERLIN. Sie führte dies auf den Ausbau niedrigschwelliger Hilfsangebote wie etwa Drogenkonsumräume zurück.

Scharfe Kritik übte Caspers-Merk an den Krankenkassen. Diese würden aus Kostengründen die Ausweitung der Methadon-Behandlung von Suchtkranken blockieren. Ähnlich äußerten sich die Kassenärztliche Bundesvereinigung, die Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren und die Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin. Die Gewerkschaft der Polizei forderte Bundesländer ohne Drogenkonsumräume auf, ebenfalls solche Angebote einzuführen.

Caspers-Merk sieht mit dem weiteren Rückgang der Drogentoten die Trendwende von 2001 bestätigt. Außer in Sachsen sei die Zahl der Drogentoten in allen Bundesländern gesunken. Bereits 2001 war die Zahl der Drogentoten um fast zehn Prozent auf 1835 zurückgegangen. Sie wertete dies als Erfolg für die rot-grüne Drogenpolitik. Auch die Zahl der polizeilich erfassten Erstkonsumenten von Drogen sei in den ersten sechs Monaten 2002 um gut 16 Prozent auf 7362 gesunken. Bei Heroin und Ecstasy gebe es sogar einen Rückgang von jeweils 25 Prozent.

Den Krankenkassen warf Caspers-Merk vor, sie wollten aus Kostengründen verhindern, dass Süchtige schon früher in die Methadon- Behandlung aufgenommen werden. Dies sei "Politik auf dem Rücken der Süchtigen", sagte Caspers-Merk. Bei dem Streit geht es um die Richtlinien des Bundesausschusses Ärzte und Krankenkassen für die Methadon-Behandlung. Danach werden nur Süchtige in die Behandlung aufgenommen, die an mindestens einer schweren Begleiterkrankung wie HIV, Hepatitis oder Tuberkulose leiden.

Die Ärzte im Bundesausschuss wollten die Richtlinien so ändern, dass keine Begleiterkrankung mehr gefordert wird. Dies scheiterte am Nein der Kassen. Das Ministerium nahm daraufhin eine so genannte Ersatzvornahme vor, gegen die die Krankenkassen allerdings geklagt haben. Caspers-Merk nannte das Verhalten der Kassen "abenteuerlich". "Sucht ist Krankheit." Die Kassen könnten nicht die Behandlung eines Drogenkranken davon abhängig machen, dass er noch eine weitere Krankheit habe. Auch bei Alkoholikern sei dies nicht der Fall.

Nach Angaben von Caspers-Merk werden etwa 50 000 Süchtige mit einer Ersatzdroge behandelt. Bei 35 000 davon bezahlten die Kassen die Behandlung. Die Gesamtkosten bezifferte Caspers-Merk auf 80 Millionen Euro. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) erklärte, es sei wissenschaftlich nicht haltbar, die Behandlung von Drogenkranken von einer Begleiterkrankung abhängig zu machen. Die Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren und die Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin warfen den Krankenkassen vor, auf dem Rücken von Süchtigen sparen zu wollen und die Folgekosten der Gesellschaft aufzubürden.

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