Drohende Pleite hat mit den Folgen der Anschläge nicht viel zu tun
Kommentar: Die Lage bei Swissair wird immer aussichtsloser

In Krisenzeiten setzt die Wirtschaft immer wieder gerne auf die Macht der Politiker. Die Schweiz macht es in diesen Tagen vor: Der frühere Nationalratspräsident Ulrich Bremi, 71, ist bei Swissair aufgerufen, die Notoperation am klinisch toten Patienten zu leiten und den Konkurs des Luftfahrtkonzerns in letzter Minute zu verhindern. Das Management des Schweizer Konzerns hat am Wochenende aus guten Gründen die weiße Flagge gehisst.

Staatshilfe heißt der letzte Ausweg - sollten sich in letzter Sekunde nicht doch noch Banken an der Rettung beteiligen. Die Folgen der Terroranschläge von New York und Washington hätten die Situation in der Luftfahrt dramatisch verschlechtert, so heißt die Argumentation für den Bittgang der Swissair. Das allerdings ist als Begründung außerordentlich dünn. Zumal die Swissair ihren Einnahmeausfall in den Tagen nach der USA-Katastrophe bereits publiziert hat: Er wurde zunächst auf 65 Millionen Schweizer Franken beziffert. Selbst wenn die gleiche Summe hinzukäme - ein Schadenersatz in dieser Höhe wäre für den Luftfahrtkonzern nicht einmal der berühmte Tropfen auf den heißen Stein.

Die drohende Pleite der Swissair- Group hat mit den Terroranschlägen im Grunde nicht viel zu tun. Diese haben einen unausweichlichen Prozess nur beschleunigt. Seit Monaten jagt bei Swissair eine Hiobsbotschaft die nächste, und es fällt schwer zu beurteilen, welche den Ausschlag für das Desaster der Swissair gegeben hat. Die Eckdaten des Konzerns zeigen die aussichtslose Lage: Das Eigenkapital ist aufgebraucht. Der Schuldenberg steigt von Woche zu Woche. Der Umsatz fällt angesichts von Konjunkturflaute und USA-Katastrophe. Die Piloten sind mit teuren und offenbar wasserdichten Arbeitsverträgen ausgestattet. Zudem hat sich Swissair zur Übernahme aller LTU-Schulden bis ins Jahr 2005 verpflichtet.

Die übermütige Beteiligungspolitik der früheren Konzernleitung hat den einstmals als "fliegende Bank" gerühmten Konzern innerhalb weniger Jahre an den Rand des Absturzes gebracht. Milliarden hat man in die belgische Krisen-Airline Sabena gepumpt, darüber hinaus in die zweitklassigen französischen Gesellschaften AOM, Air Littoral oder Air Liberte investiert und den deutschen Ferienflieger LTU bei der Sanierung unterstützt. Der neue Konzernchef Mario Corti versuchte im Sommer, die Expansion rückgängig zu machen und die Pleite aufzuhalten - wohl vergebens.

Konkurs oder Rettung in letzter Sekunde? Die UBS AG kündigte gestern zwar an, sich mit 51 Prozent an "einer Lösung" zu beteiligen. Doch bis zum späten Abend war gestern nicht klar, wie diese Lösung aussehen soll. Zumal hochrangige Schweizer Manager einem Konkursszenario und der Gründung einer Auffanggesellschaft Vorteile abgewinnen: Die horrenden Schulden blieben dann in der Konkursmasse, wie auch die Beteiligung an der LTU. Schweizer Zeitungen schrieben am Wochenende vom "Mühlstein am Hals der Swissair", den man auf diese Weise loswerden könne. Ein weiterer Vorteil: Im Konkursfall könnte sich Swissair von den teuren Piloten-Verträgen lösen.

Das Szenario, dass sich die Schweizer bald von einem geliebten Nationalsymbol trennen müssen, ist mit der eilig herbeigerufenen UBS-Unterstützung jedenfalls nicht aus der Welt.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%