Druck auf die Preise nimmt zu – DZ Bank liquidiert Kunstfonds
Konzerne entdecken Kunst als Notgroschen

Viele deutsche Unternehmen haben sich in Zeiten des Booms auch stolze Kunstsammlungen zugelegt. Weil dahinter nicht immer nur geschäftliche Ziele steckten, tun sich manche Konzerne jetzt immer noch schwer, sich von "ihrer" Kunst zu trennen. Dennoch nimmt der Druck zu, gerade Banken sind dabei, die Sammlungen zu überprüfen.

STUTTGART. Als das Haus noch Daimler Benz hieß und auf dem Weg zum Technologiekonzern war, passte Franz Radziwills "Flugzeuge/Immer schneller fliegen" (1938) perfekt ins Bild. Dann aber kam die Fusion mit Chrysler, es folgten die bekannten Turbulenzen. Und darum konzentrierte sich der Auto-Hersteller wieder auf sein Kerngeschäft und trennte sich von diversen Beteiligungen - und auch von dem 1991 in Berlin ersteigerten Gemälde.

Renate Wiehager, Direktorin der "Abteilung Kunstbesitz" des größten deutschen Industriekonzerns, macht vor allem ästhetische Gründe für den Verkauf geltend: Das Bild habe nicht mehr zum Konzept der Daimler-Chrysler-Sammlung gepasst. Es sei kein Notverkauf gewesen, beteuert Wiehager. Denn das Konzern-Budget für Neuerwerbungen sei auch im vergangenen schwierigen Geschäftsjahr nicht gekürzt worden - was angesichts eines Rekordverlustes illustriert, wie hoch die Schwaben die Kunst in ihrem Hause halten. Außer Radziwills Flugzeugen sei nur noch ein einziges weiteres Bild aus Konzernbesitz verkauft worden, sagt die Expertin.

Dennoch ist der Verkauf in schwieriger Zeit symptomatisch: Denn viele Konzerne überprüfen nicht nur ihre Budgets für Neuerwerbungen, sie nehmen auch ihre Bestände stärker als früher unter die Lupe. Passt etwas nicht mehr ins Konzept, ist man auch bereit, wieder zu verkaufen.

Die Hypovereinsbank, die erst vor Tagen erneut einen deftigen Quartalsverlust hat ausweisen müssen, hat sich von ihren Gobelins getrennt. Allerdings verneint das Unternehmen einen Zusammenhang mit dem Geschäftsergebnis, die Teppiche, die bislang im großen Sitzungssaal der Münchner Bank hingen, passten nicht mehr in die Zeit, heißt es. Unter der Regie von Kunstberater Helge Achenbach halte die Hypovereinsbank moderne Kunst weiterhin hoch.

Mögen spektakuläre Notverkäufe wie die legendäre IBM-Sammlung in Deutschland auch derzeit nicht in Sicht sein - der Markt ist in Bewegung geraten. So hat die DG-Bank offenbar versucht, sich von ihrer Foto-Sammlung zu trennen - was nicht gelungen ist. Die Sammlung mit mehr als 5 000 Werken hätte den Markt überschwemmt. Dennoch mehren sich Anzeichen, dass der Druck zunimmt. So ist die DZ Bank - in ihr ist die DG Bank kürzlich aufgegangen - dabei, ihren eigenen Kunstfonds selbst zu liquidieren. Das genossenschaftliche Spitzeninstitut durchlebt derzeit eine handfeste Krise.

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat auch die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) in den vergangenen Monaten 14 Arbeiten aus ihrer Sammlung veräußert. Ein Sprecher versucht, die Relationen der Verkäufe zurechtrücken: Von insgesamt 10 000 Kunstwerken gehörten rund 2 000 zur eigentlichen Sammlung. "Wir haben in diesem Jahr somit nicht einmal 0,25 Prozent für den Verkauf vorgesehen". Auch die Landesbank macht ausschließlich konzeptionelle Gründe" für den Verkauf geltend.

In Auktionshäusern und Galerien heißt es bis heute, dass bislang von Notverkäufen keine Spur zu sehen sei, derzeit sei nicht mehr Material aus Firmensammlungen als üblich im Angebot. Das könnte jedoch auch an der labilen Verfassung des Marktes selbst liegen. So erzielte die hochkarätige Expressionisten-Sammlung der Firmengruppe Ahlers, die seit 1993 durch deutsche Museen tourte und anschließend von dem Kunstberater und früheren Sotheby-Chef Christoph Graf Douglas und dem Händler David Nash verkauft werden sollte, deutlich weniger als erhofft.

Ohne das Engagement von Unternehmern wie Reinhold Würth sähe der Markt womöglich noch trüber aus. Der Schrauben-König aus Künzelsau und Museumsbetreiber in eigener Sache hat vor drei Jahren die Max- Ernst-Sammlung der Lufthansa AG übernommen. Überdies kaufte er auch eines der schönsten Bilder aus der Ahlers-Sammlung: Ernst Ludwig Kirchners "Brandenburger Tor, Berlin" (1915) ist nun ein Höhepunkt innerhalb der Sammlung Würth.

Dass sich der Verkauf der Ahlers-Sammlung dennoch so zäh gestaltete, belegt, wie schwer auch konzeptionelle Probleme ins Gewicht fallen können, wenn sich Unternehmen von Kunst trennen wollen. Denn die Ahlers-Sammlung hatte es auch deswegen schwer, weil sie eine Mischung war aus Privat- und Firmensammlung.

Diese Probleme hat die Deutsche Bank nicht. Die größte deutsche Privatbank ist auch als Sammler eine Größe für sich, sie besitzt fast 50 000 Kunstwerke an 911 Standorten. Und doch: "Es sieht nicht so gut aus", sagt Ariane Grigoteit, Kustodin der Sammlung. Sie berichtet von gekürzten Etats und Vorgaben, auf der Kunstmesse Art Cologne möglich nichts mehr zu kaufen. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Preise gerade auf dem deutschen Markt für zeitgenössische Kunst alles andere als überhitzt sind. Für die verkaufswilligen Unternehmen indessen verheißt das wenig Gutes, sie müssen sich auch in Sachen Kunst auf einen harten Winter einstellen.

Quelle: Handelsblatt

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