Druck auf europäische Währungshüter nimmt zu
Banken rechnen fest mit Zinssenkung

Die Europa-Chefvolkswirte der führenden Finanzhäuser sind sich sicher, dass die Europäische Zentralbank bereits im Juni die Zinsen senkt. Die Frage ist nur, wie stark. Ein großer Zinsschritt könnte nach Einschätzung der meisten Devisenexperten den Euro-Höhenflug bremsen. Kredite dürften aber eher teurer werden.

FRANKFURT/M. Die Europa-Chefvolkswirte der führenden Bankhäuser erwarten fast einhellig, dass die Europäische Zentralbank (EZB) auf der nächsten Zinssitzung am 5. Juni eine Lockerung der Geldpolitik beschließt. Von 16 Häusern prognostizierten nach Handelsblatt-Recherchen 14 einen solchen Schritt. Auch die übrigen zwei erwarten ihn innerhalb der nächsten drei Monate, wollten sich aber nicht auf einen genauen Termin festlegen.

Unterschiedlich sind die Meinungen, wie stark die EZB die Zinsen senkt. Von den 14, die sich terminlich festlegten, prognostizierten fünf eine kräftige Ermäßigung um einen halben Prozentpunkt auf 2,0 Prozent, fünf einen kleinen Schritt von einem viertel Punkt, und vier hielten beides für etwa gleich wahrscheinlich.

"Die Aufwertung des Euros wird die Inflation dämpfen und schafft der EZB dadurch Spielraum", begründete der Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank, Martin Hüfner seine Prognose einer deutlichen Zinssenkung. Zudem trete die internationale Verantwortung der EZB immer mehr in den Vordergrund. Durch eine Zinssenkung könne und müsse sie dazu beitragen, Turbulenzen am Devisenmarkt zu vermeiden.

Die Zinssenkungserwartungen der Volkswirte sind damit ausgeprägter als diejenigen der Akteure am Geldmarkt. Blickt man dort auf die Terminsätze, gehen die Geldmarktakteure überwiegend von einer Leitzinssenkung von einem Viertelprozentpunkt im Juni aus.

Der steigende Eurokurs dürfte die Finanzszene entscheidend in ihrer Überzeugung bestärkt haben, dass die EZB die Leitzinsen nun senken wird.

Dieser Effekt zeigt sich auch bei den Analysten. Eine Umfrage des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) unter 305 Analysten, die überwiegend vor gut einer Woche beantwortet worden war, ergab, dass zwei Drittel für die nächsten drei Monate mit einer Zinssenkung rechnen - gegenüber 100 Prozent in der (deutlich kleineren) aktuellen Umfrage des Handelsblatts.

Neben der Euro-Stärke dürften Äußerungen des EZB-Vizepräsidenten Lucas Papademos vom Montag zu der Erwartungsverschiebung beigetragen haben. Verschiedene EU-Finanzminister hatten am Dienstag berichtet, Papademos habe ihnen gegenüber die Bereitschaft der EZB zu Zinssenkungen signalisiert.

Gestern legte EZB-Direktoriumsmitglied Eugenio Domingo Solans nach. Er schränkte die bisher übliche Konjunkturzuversicht der Notenbank ein und sprach davon, dass er den Beginn des Aufschwungs erst "ganz am Ende des Jahres" erwarte. Ob die Wirtschaftsleistung im nächsten Jahr das von der EZB auf zwei bis 2,5 Prozent geschätzte Wachstumspotenzial erreiche, könne man noch nicht sagen. Gleichzeitig sagte der Spanier, Forderungen von Politikern würden die Zinsentscheidung der EZB nicht beeinflussen.

Zinsvorpsrung vor den USA

Gleichwohl wiederholte der französische Finanzminister Francis Mer gestern die Forderung an die EZB, die Zinsen zu senken, auch um den Zinsabstand zu den USA zu verringern.

Die Euro-Aufwertung wird am Devisenmarkt unter anderem auf den Zinsvorsprung des Euroraums gegenüber den USA zurückgeführt. Dort sind die Leitzinsen um 1,25 Prozentpunkte niedriger, die Zehnjahresrenditen um etwas mehr als einen Viertelprozentpunkt.

"Da der Devisenmarkt derzeit stärker auf die Zinsdifferenz als auf die Wachstumsaussichten schaut, würde eine kräftige Zinssenkung durch die EZB die Attraktivität des Euros deutlich mindern", sagte Michael Klawitter, Devisenexperte der WestLB in London.

In den USA, wo die Notenbank turnusgemäß Ende Juni wieder über die Leitzinsen entscheidet, wird an den Finanzmärkten überwiegend mit einer weiteren Leitzinssenkung von 1,25 auf 1,0 Prozent gerechnet. Den Terminsätzen am Geldmarkt zufolge wird die US-Notenbank ihren Leitzins dann bis mindestens Februar nächsten Jahres auf diesem historisch niedrigen Niveau lassen.

Die Kreditkunden der Banken können allerdings auch bei einer weiteren Zinssenkung durch die EZB nicht mit besseren Konditionen rechnen. Vielmehr haben verschiedene Banken bereits angekündigt, im Firmenkundengeschäft die Margen durch Zinserhöhungen ausweiten zu wollen.

Bereits bisher haben die Banken im Durchschnitt die Zinssenkungen von 0,75 Prozentpunkten durch die EZB seit Dezember letzten Jahres kaum an ihre Kreditkunden weitergegeben. Käme es jetzt sogar in der Breite zu Kreditzinserhöhungen, obwohl die kurzfristigen und langfristigen Zinsen in Vorwegnahme einer lockereren Geldpolitik nochmals deutlich gesunken sind, könnte die Diskussion um Bankenpolitik und Finanzierungsbedingungen in Deutschland neu angeheizt werden.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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