Druck auf gering qualifizierte Arbeitnehmer wächst
Die anonyme Konkurrenz aus dem Osten

Die Ironie des Terminkalenders will es, dass die Erweiterung der EU auf den Tag der Arbeit fällt. Dabei verbinden sich mit dem Beitritt der mittel- und osteuropäischen Staaten gerade für Arbeitnehmer große Sorgen. "Jobkonkurrenz", "Lohndumping": Werden die Probleme am Arbeitsmarkt jetzt nicht noch größer? Der DGB geht das Datum dennoch zuversichtlich an.

BERLIN. "Unser Europa. Frei, gleich, gerecht", heißt sein Motto zum 1. Mai 2004. "Die Integration Europas ist nach dem Ende des Steinzeit- Kommunismus die zweite herausragende historische Entwicklung", betont DGB-Chef Michael Sommer.

Immerhin gibt es Anhaltspunkte, dass sich für Arbeitnehmer der Alt-EU mit dem Beitrittstag nicht allzu viel ändern wird. Das heißt aber: Der längst spürbare Druck auf Lohnniveaus und Sozialstandards steigt für gering qualifizierte Menschen stetig weiter. Die Urheber des Drucks, ein großes Arbeitskräftepotenzial im Osten, bleiben für die meisten Betroffenen anonym: Nicht Scharen von Jobsuchenden kommen - Arbeitsplätze wandern ab.

"Von einer Völkerwanderung kann nicht die Rede sein", betont Thomas Straubhaar, Präsident des Hamburgischen Weltwirtschafts-Archivs (HWWA). Krystiyna Iglicka vom Zentrum für Migrationsforschung in Warschau bestätigt das: "Eine Massenwanderung von Polen nach Westen ist unwahrscheinlich." Diese Meinung teilt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): 25 Jahre nach den bis zu siebenjährigen Übergangsfristen zur Freizügigkeit sei mit 1,4 bis 2,2 Millionen zusätzlichen Zuwanderern zu rechnen. Dies sei keine große Zahl, zumal bereits 600 000 Menschen aus den Beitrittsstaaten im Lande seien, sagt DIW-Präsident Klaus F. Zimmermann. Nach einer HWWA-Projektionsrechnung werden über eine Phase von 20 Jahren maximal 3 % der Einwohner Mittel- und Osteuropas westwärts wandern. "Und davon dürfte rund die Hälfte früher oder später zurückkehren", sagt Straubhaar voraus. Demnach müssten die heutigen EU-Staaten zusammen in den nächsten zwei Dekaden "netto" weniger als 75 000 Menschen pro Jahr aufnehmen. Auch die Gewerkschaften zweifeln solche Voraussagen nicht prinzipiell an. "Die Erfahrung lehrt, dass es schon innerhalb eines Landes kaum Wanderungen von strukturschwachen in stärkere Regionen gibt", analysiert Gregor Asshoff, Leiter der Grundsatzabteilung bei der IG Bau. Aber gerade am Bau könnten auch Tagespendler aus Polen oder Tschechien die Konkurrenz für inländische Beschäftigte auf Dauer massiv verschärfen. "Das blenden die Studien leider aus".

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