Druck auf Landeswährung soll nach Wahl enden
Absturz des Real lässt Präsident Cardoso kalt

Die Politik bewegt die Märkte: Zehn Tage vor der Wahl in Brasilien liegt nach den jüngsten Umfragen der Linkskandidat Luís Inácio da Silva, genannt Lula, weiter deutlich in Führung vor José Serra, dem von der Wirtschaft bevorzugte Kandidaten.

HB SÃO PAULO. Lula könnte sogar bereits im ersten Wahldurchgang den Sieg erringen, heißt es in Brasilia. Die Unsicherheiten über den künftigen Wirtschaftskurs den Landes setzte die Finanzmärkte unter Druck. Nach den Verlusten der letzten Tage gewann der Dollar gegenüber dem Real seit Jahresbeginn um mehr als 60 %. Die brasilianische Währung hat damit gestern den niedrigsten Wert ihrer achtjährigen Existenz erreicht. Der Börsenindex in São Paulo rutschte in Dollar gerechnet auf ein Niveau von vor neun Jahren.

Vor allem ausländische Konzerne und Banken haben begonnen, so viel Dollar wie möglich zu kaufen, um die bis zum Jahresende fälligen Rücküberweisungen und Verpflichtungen zu sichern. "In diesen Panikmomenten wollen die Unternehmen Dollar haben um jeden Preis", erklärt Luís Fernando Lopez, Chefökonom von JP Morgan.

Doch erstmals seit der brasilianischen Finanzkrise, die sich seit Juni verschärft hat, reagieren Regierung Wirtschaftspolitiker entspannt auf die täglich zunehmende Abwertung des Real und der sich parallel dazu verschlechternden Schuldenstruktur. Er habe kein Instrument, um die Dollaraufwertung zu stoppen, erklärte nüchtern der Zentralbankpräsident Armínio Fraga. Die Bewegungen des Wechselkurses seien "irreale Spekulation, die nichts mehr mit der Wirtschaft Brasiliens zu tun habe", sagte Präsident Fernando Henrique Cardoso.

Es scheint, als wolle man in Brasília die verbleibende Zeit bis zu den Wahlen über sich ergehen lassen. Nach der ersten Wahlrunde werden sich Real und Verschuldung wieder auf realistische Niveaus einpendeln, lautet die allgemeine Überzeugung.

Für die Passivität der Zentralbank spricht vor allem die Tatsache, dass in diesem Jahr, also während der verbleibenden Amtszeit von Präsident Cardoso, kaum eine Gefahr für einen Zahlungsausfall des Landes besteht. Denn einerseits ist Brasiliens Auslandsschuld vergleichsweise gering (10,5 % zum BIP gegenüber etwa Argentinien mit 30 % vor seinem Zahlungsausfall). Außerdem steht in diesem Jahr nur noch die Zahlung von knapp einer Mrd. $ ins Ausland an. Selbst die summierten Kapitalbedürfnisse aus dem Leistungsbilanzdefizit und allen sonstigen Verpflichtungen können bis Jahresende problemlos mit den Devisenreserven geleistet werden, so die Investmentbank Goldman Sachs. Auch der Finanzierungsbedarf auf die weit höhere interne Verschuldung Brasiliens kann die Regierung dieses Jahr problemlos leisten.

Warum also das Chaos? Die Investoren sorgen sich um die Regierungsfähigkeit des nächsten Präsidenten. "Dem wirtschaftsnahen Kandidaten Serra würden die Märkte Zeit geben, eine Administration aufzubauen und die notwendigen Reformen einzuleiten", so Goldman Sachs-Experte Paulo Leme, "Lula hat diese Frist kaum". Schließt der Linkskandidat nicht sofort nach dem Wahlsieg eine breite politische Koalition im Kongress oder zögert er bei der Bildung einer Vertrauen schaffenden Wirtschaftsequipe, dann ist der ökonomische Zusammenbruch Brasiliens programmiert. Die nächste Regierung muss sofort aktionsfähig sein. Im November werden mit dem IWF die Einhaltung der Ziele überprüft, damit die dringend notwendigen Kredithilfen für 2003 angewiesen werden können.

Quelle: Handelsblatt

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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