Druck des Bundesforschungsministeriums
DFG vertagt Entscheidung über embryonale Stammzellen

Auf Druck des Bundesforschungsministeriums hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) die Entscheidung über die Förderung von Forschungsprojekten mit embryonalen Stammzellen vertagt. Bundesregierung gegen Änderung des Embryonenschutzgesetzes

ink/dpa BERLIN. Auf Druck des Bundesforschungsministeriums hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) die Entscheidung über die Förderung von Forschungsprojekten mit embryonalen Stammzellen vertagt. Der zuständige Hauptausschuss entschied am Freitag nach Informationen von Handelsblatt.com, dass über das Projekt des Bonner Wissenschaftlers Oliver Brüstle erst auf der nächsten Sitzung im Juli entschieden werden soll.

Am Vorabend hatte die DFG neue Empfehlungen veröffentlicht, in denen sie sich für den Einstieg in die umstrittene embryonale Stammzellenforschung in Deutschland ausgesprochen hatte. Hätte der Hauptausschuss am Freitag positiv über den Brüstle-Antrag entschieden, wäre erstmals in Deutschland ein Forschungsporjekt mit embryonalen Stammzellen mit öffentlichen Mitteln gefördert worden.

Für ihre Arbeit sollen Forscher nach dem Willen der DFG keinen einzigen Embryo eigens produzieren. Es soll auch kein Embryo getötet werden, der nicht ohnehin im Müll von Befruchtungskliniken gelandet wäre. Verwendet werden sollen vielmehr undifferenzierte Stammzellen, wie sie US-Forscher 1998 erstmals aus Embryonen gewonnen und vermehrt hatten. Die Zellen teilen sich in diesem Stadium unentwegt. Theoretisch könnten sie in sämtliche interessierte Forschungslabors verschickt werden. Die 1998 genutzten Embryonen stammten aus den Gefrierschränken amerikanischer Befruchtungskliniken - mit Zustimmung der elterlichen Paare. Inzwischen gibt es Zelllinien aus mindestens drei Zentren, auch aus Australien und Israel.

Die Neurowissenschaftler Oliver Brüstle und Otmar Wiestler von der Universität Bonn möchten solche embryonalen Stammzellen nun importieren und daraus Zellen für Menschen mit erkranktem Gehirngewebe züchten. Brüstle warnt zugleich vor verfrühten Hoffnungen: Man könne erst in rund fünf Jahren überhaupt absehen, ob die Embryozellen der Laborkultur einmal medizinisch einsetzbar sind. Das möchte er nun prüfen. "Wir haben eine ärztliche Verantwortung, neue Therapien zu suchen für Krankheiten, für die es bisher wenig Heilungschancen gibt." In Rattenversuchen haben die Neurologen schon erste Erfolge erzielt.

"Unbefriedigend" findet Prof. Paul Leyer, Neurobiologe an der Technischen Universität Darmstadt, die Import-Regelung. Man könne nicht etwas in der Sache verurteilen, es dann aber andere machen lassen und nur den Nutzen daraus ziehen, argumentiert er. "Das ist ethisch sehr inkonsequent."

Kommen die deutschen Forscher mit den zur Verfügung stehenden Zelllinien nicht weiter, so sollen sie laut DFG auch eigene embryonale Stammzellen herstellen dürfen. Dazu solle das Embryonenschutzgesetz für fünf Jahre geändert werden, bis bekannt ist, ob adulte (aus erwachsenem Gewebe) oder embryonale Stammzellen zum Ziel führen, schlägt die DFG vor. Laut DFG-Präsident Prof. Ernst- Ludwig Winnacker wurden auch in Deutschland einige hundert Eizellen künstlich befruchtet und anschließend aus verschiedenen Gründen nicht in eine Frau eingesetzt. Daraus könnten embryonale Stammzellen gewonnen werden.

Dass die DFG sogar eine Gesetzesänderung vorschlagen hatte, überraschte selbst auf einer Fachtagung im südhessischen Heppenheim, zu der die Technische Universität Darmstadt 40 Mediziner, Forscher, Theologen, Philosophen und Juristen eingeladen hatte. Viele der Teilnehmer waren sich jedoch einig: Das Embryonenschutzgesetz muss neu gefasst werden.

Schnelle Entscheidung erforderlich

Wenn die Regierung dies auf die lange Bank schiebe, werde es früher oder später zu Klagen kommen, "und dann werden die Gerichte diese Fragen entscheiden", sagt Lutz van Raden, Richter am Bundespatentgericht und Mitverfasser der Biopatent-Richtlinie. In der heutigen Fassung kämen Stammzellen nicht vor, daher gelte in der Praxis: Was nicht verboten ist, ist erlaubt - bis ein Gericht das Gegenteil feststellt.

Tagungsleiter Prof. Wolfgang Bender sieht die Entscheidung der DFG positiv. "Sie stellen sich der Debatte", sagte der Theologe von der Technischen Universität Darmstadt. Indem die Stammzellforschung öffentlich gefördert werde, habe der Staat mehr Einfluss auf die Experimente. Damit sei zumindest ein Schreckgespenst gebannt: der Weg, den die USA gehen. Dort hat sich der Staat aus der Förderung verabschiedet und privaten Investoren das Zepter überlassen.

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