Druck von allen Seiten
US-Banken melden erneut Ertragseinbruch

Der Reigen schlechter Ergebnisse bei amerikanischen Investmentbanken setzt sich fort. Nach Goldman Sachs und Morgan Stanley verzeichneten nun auch JP Morgan Chase und Merrill Gewinneinbrüche. Zudem sind beide Unternehmen in Skandale verwickelt und kämpfen mit ungelösten Strukturproblemen.

NEW YORK. Die schlechten Nachrichten der US-Banken reißen nicht ab: JP Morgan Chase und Merrill verzeichneten im ersten Quartal des laufenden Jahres zweistellige Gewinneinbrüche. Bei JP Morgan sank der Reingewinn um 18 %, bei Merrill gar um 26 %. Dennoch lagen die Ergebnisse leicht über den Erwartungen der Analysten. Verantwortlich für die Ertragsmisere ist vor allem der starke Rückgang im Investmentbanking. Insoweit gesellen sich die beiden Großbanken zu ihren ebenfalls gebeutelten Mitbewerbern Goldman Sachs oder Morgan Stanley

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Bei JP Morgan sind die Erträge aus dem Investmentbanking im Jahresvergleich um 27 % zurückgegangen, Merrill meldete ein Minus von 38%. Die starken Rückgang bei Fusionen und Übernahmen sowie bei Börsengängen hinterlassen weiterhin deutliche Spuren. Merrill verzeichnete zudem auch in seinem Kerngeschäft, dem Aktienhandel, ein Minus von 10 %.

Beide Banken sehen jedoch Anzeichen für eine Besserung - zumindest gegenüber dem letzten Quartal 2001. JP Morgan-Chef Bill Harrison wies auf Rekordeinnahmen und einen Ertragssprung von 25 % im Retail (Konsumenten)-Banking hin. Merrill-Lynch-Chef David Komansky und sein designierter Nachfolger Stanley O?Neal machen dagegen deutliche Fortschritte bei den Kostensenkungen aus. Merrill hat im letzten Jahr mehr als 15 000 Mitarbeiter entlassen. "Die Gewinnmargen sind angesichts des Einnahmerückgangs nicht schlecht", sagte Henry McVey, Analyst bei Morgan Stanley, mit Blick auf eine Einnahmen-Rendite von 19,9 %. Die Börse reagierte zunächst verhalten auf die Ergebnisse. JP Morgan konnte leicht gewinnen, Merrill verlor zunächst Boden, erholte sich dann aber wieder

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Sowohl JP Morgan als auch Merrill leiden jedoch nicht nur unter der schlechten Konjunktur für Investmentbanken. Beide Institute haben auch strukturelle Probleme, die ihre Ertragslage zusätzlich belasten. So steht JP Morgan seit Monaten unter verstärkter Beobachtung von Analysten und Kredit-Ratingagenturen. Der Grund: Ob beim Energiekonzern Enron, beim Telekomanbieter Global Crossing, beim Einzelhändler Kmart oder im zahlungsunfähigen Argentinien - JP Morgan ist nahezu in jeder Großpleite mit hohen Krediten verwickelt. "Fast alles, was schief gehen konnte, ist für JP Morgan im letzten Jahr schief gelaufen", sagte James Ellman, Fonds-Manager bei Merrill JP Morgan führt seine Pechsträhne vor allem auf seine Größe zurück. Die Bank vergebe mehr Kredite als jedes andere Finanzinstitut in den USA, damit steige das Ausfallrisiko, heißt es aus der Zentrale. Im ersten Quartal schrieb die Bank faule Firmenkredite in Höhe von 320 Mill. $ ab, doppelt so viel wie in den ersten drei Monaten 2001.

Der Größennachteil ist jedoch nur die halbe Wahrheit. In seinem Bemühen, mehr Kunden für das Investmentbanking zu gewinnen, hat JP Morgan-Chef Harrison bewusst die Kreditvergabe als Lockmittel eingesetzt. Das rächt sich in wirtschaftlichen Krisenzeiten, wenn selbst Großunternehmen in finanzielle Schwierigkeiten geraten können.

Augenfällig wird das im Telekommunikationsbereich. JP Morgan verdoppelte zwischen 1999 bis 2001 seine Kredite an die Branche auf 8,5 Mrd. $. Als die Spekulationsblase platzte, gerieten Telekomfirmen wie Global Crossing in Zahlungsnöte und ließen JP Morgan mit faulen Krediten zurück. "Während sich die Lage bei den Konsumentenkrediten langsam bessert, wird es bei den Firmen noch etwas dauern", sagte Marc Shapiro, Vize-Chairman der Bank.

Belastet wurde das Quartalsergebnis auch von einem Verlust von 255 Mill. $ im Bereich Private Equity. JP Morgan hat in zahlreiche junge Unternehmen investiert, deren Wert in den letzten Monaten drastisch gesunken ist. Zudem ist die Bank in den Enron-Skandal verwickelt. Sie hat nicht nur Außenstände von gut 2 Mrd. $, die sie vermutlich abschreiben muss. JP Morgan wird außerdem von Enron-Aktionären beschuldigt, am Aufbau der dubiosen Finanzstruktur des bankrotten Energiekonzerns mitgewirkt zu haben. Unangenehme Fragen aus dem Kongress in Washington und Sammelklagen der aufgebrachten Investoren sind die Folge.

Auch Merrilll Lynch-Chef Komansky muss sich mit einem peinlichen Skandal herumschlagen. Die New Yorker Staatsanwaltschaft wirft den Analysten der Bank vor, Investoren während des Börsenbooms bewusst in die Irre geführt zu haben. Die geforderte Abspaltung der Analysten-Sparte scheint zwar vom Tisch zu sein, der Bank droht jedoch eine hohe Geldbuße.

Merrill hat noch andere Probleme: Seit Ende 2000 wachsen die Gewinne nicht mehr. Komansky und O?Neal haben alle Mühe, die Kosten nach unten zu bringen. Beide treten nach außen zwar als Team auf, O?Neal hat jedoch intern bereits das Steuer übernommen. Über einen vorzeitigen Rücktritt Komanskys wird bereits spekuliert.

Quelle: Handelsblatt

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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