Duch Verweigerungshaltung wird Situation nur schlimmer
Angst vor dem Flugzeug-Crash hat ihren Preis

Wenn Manager unter Flugangst leiden, kann das ihre Karriere gefährden. Seminare helfen, das Flugzeug ohne Schweißausbrüche zu betreten.

So richtig schön mit 200 Sachen über die Autobahn - das ist Entspannung für Vera Hermes. Ein Linienflug von München nach Frankfurt - das ist die Hölle für die Chefredakteurin eines Hamburger Fachmagazins. Kaum rollt der Flieger auf die Startbahn, brechen bei ihr die typischen Symptome der Flugangst aus: Schweißausbrüche, Platzangst, Herzrasen.

Hermes kennt die Statistiken: Auf einhundert Millionen Passagierkilometer kommen 0,02 Tote, um ein Vielfaches höher ist die Wahrscheinlichkeit, einen Verkehrsunfall zu haben, als bei einem Flugzeugunglück ums Leben zu kommen. Egal. Die Vorgesetzte von sechs Redakteuren plagt im Flugzeug das Gefühl der Machtlosigkeit. Zu ihren Terminen in Deutschland fährt sie mittlerweile nur noch mit der Bahn. Da hat sie zwar auch kein Lenkrad in der Hand, aber "immerhin Bodenhaftung".

15 Prozent aller Deutschen leiden unter Flugangst

Hermes ist kein Einzelfall: Nach einer Untersuchung des Allensbach-Institutes leiden 15 Prozent aller Deutschen unter Flugangst, weitere 20 Prozent fühlen sich beim Fliegen unwohl. Brenzlige Situationen im Alltag - wie eben im Straßenverkehr - verbuchen die Flugphobiker unter "Lebensrisiko". Doch mit Fernsehbildern von der brennenden Concorde oder von Flugzeugkatastrophen wie etwa die Terror-Anschläge durch entführte Verkehrsflugzeuge in den USA im Kopf, führt allein der Gedanke ans Abheben zu einem rasenden Puls.

Dabei gibt es unterschiedliche Gründe für die Furcht. Ein Teil der "Flugphobiker" hat Angst vor dem Absturz, ein anderer Teil hat Beklemmungen wegen der räumlichen Enge, wieder andere leiden unter Höhenangst oder sind nicht in der Lage, sich in die Abhängigkeit von anderen zu begeben.

In den Urlaub fährt man zur Not mit Auto oder Bahn - prekär wird es erst, wenn es im Job nicht mehr ohne Fliegen geht. In kaum einem größeren Unternehmen kann heute auf das Fliegen verzichtet werden, trotz Videokonferenz und E-Mail. Alkohol und Medikamente scheiden als Ruhigsteller aus - denn einem wichtigen Geschäftspartner sitzt man sicherlich nur ein Mal zugedröhnt gegenüber.

Flugangst bringt oft Karrierenachteile

"Zu meinen Kunden zählen zunehmend Menschen, die aus beruflichen Gründen fliegen müssen", stellt Sabine Texter von der Münchener Agentur Texter-Millot fest. Sie bietet Flugangst-Seminare in Kooperation mit der Lufthansa an. Sie geht davon aus, dass rund 80 Prozent der Teilnehmer aus beruflichen Gründen fliegen müssen. "In vielen Unternehmen gehört Fliegen zum Alltag. Wer sich da verweigert, muss mögliche Nachteile in der Karriere in Kauf nehmen."

So etwa in Großkanzleien, in denen Meetings mit Kollegen und Mandanten auf der ganzen Welt zum Alltag gehören. "Wenn ein Mitarbeiter Flugangst hätte, würden wir ihm wahrscheinlich den Gang zum Psychologen nahe legen", meint Marcus Brans von der US-Kanzlei Shearman & Sterling. "Wer nicht Fliegen kann, kann auch nicht für uns arbeiten. Es lässt sich nun mal nicht alles vom Telefon aus erledigen."

Die Augsburger MAN-Tochter MAN Roland schickt ihre ängstlichen Angestellten zu Flugangst-Seminaren. "Wir sind ein Global Player und haben Kunden in Regionen zu betreuen, die nur mit dem Flugzeug in angemessener Zeit erreichbar sind. Will ein Mitarbeiter solche Aufgaben wahrnehmen, helfen wir ihm dabei", erklärt Simone Rampp aus der Personalabteilung. "Sofern es der Fachaufgabe und dem Entwicklungswunsch des Mitarbeiters entspricht."

Bekämpfung der Flugangst ist für Unternehmen so etwas wie eine Investition

Doch nicht jeder Angestellte rückt von allein mit seinem Problem raus. "Manche trauen sich nicht, ihre Angst zuzugeben", meint etwa Claudia Jungmann, Travelmanager bei Nokia. "Bei uns gab es schon Angestellte, die permanent versucht haben, sich vor Flügen zu drücken." Jungmann sprach die Mitarbeiter an und organisierte die Teilnahme an Flugangst-Seminaren. "Diejenigen, die teilgenommen haben, kommen jetzt viel entspannter zu ihren Terminen. Indirekt ist die Bekämpfung der Flugangst damit auch eine Investition für das Unternehmen."

Die Anbieter von verschiedensten Methoden buhlen um die Furchtsamen: Das Spektrum reicht von Verhaltens- und Gesprächspsychotherapien über Seminare, die Entspannungstechniken oder Kenntnisse über Flugzeugtechnik vermitteln bis hin zur Hypnose.

Einige Flugangst-Seminare kombinieren Verhaltens- und Entspannungstheraphien mit der Aufklärung über die Technik. Piloten erklären dabei, wie sie sich am Flugsimulator auf problematische Situationen vorbereiten, und was einzelne Geräusche zu bedeuten haben. Texter setzt zusätzlich auf einen Praxistest: Am Ende des Seminars absolvieren die Teilnehmer einen innerdeutschen Flug. "Wenn das Gelernte sofort angewendet wird, festigt es sich", meint sie. Über 90 Prozent der Teilnehmer wagen sich nach Angaben Texters auch fünf Jahre nach dem Seminar noch in den Flieger und bei knapp der Hälfte ist die Angst völlig verschwunden.

Angst ist heute gesellschaftsfähig

Nicht bei Kai Cornehl: Der Vorstand der Yello Digital Production AG nahm vor gut 15 Jahren zum ersten Mal an einem Seminar teil - zunächst erfolgreich. Doch vor kurzem kam die Angst ohne besonderen Auslöser zurück. Er entschied sich wieder für ein zweitägiges Seminar. "Jetzt geht es wieder", meint der 34-Jährige heute erleichtert.

Zeigten sich früher hauptsächlich Frauen von der Flugangst betroffen, gab es Texter zufolge in den vergangenen Jahren auch verstärkt ein "Outing" bei Männern: "Die Angst ist heute gesellschaftsfähig. Niemand muss sich mehr dafür schämen", meint Texter.

In der Praxis sieht das allerdings schon mal anders aus: Markus Rieger hat sich geschämt. Das ungute Gefühl beim Fliegen, das der 33-Jährige schon immer hatte, verstärkte sich rasch, nachdem er einen Job bei einer großen Unternehmensberatung angenommen hatte und Fliegen zu seinem Arbeitsalltag gehörte.

Duch eine Verweigerungshaltung wird die Angst noch schlimmer

Rieger versuchte, selbst zu weit entfernten Kunden mit der Bahn anzureisen. Für sein Unternehmen eine Verschwendung von kostbarer Arbeitszeit, und so stellte ihn schon nach kurzer Zeit sein Vorgesetzter zur Rede. "Ich stand dann vor der Entscheidung: Karriere abschreiben oder die Flugangst bekämpfen", meint Rieger rückblickend. Nachdem er völlig erfolglos versucht hatte, sich durch Musik, Bücher und Filme während der Flüge abzulenken, half ihm schließlich ein Seminar, die Flugangst zu überwinden. "Die Angst wird in dem Moment zum Karrierehindernis, wenn sie überhand nimmt", stellt Horst Krumbach fest, der Flugangst-Seminare veranstaltet und warnt: "Gerade durch die Verweigerung wird die Angst noch schlimmer. Das ist eine Spirale. Dabei muss man besser die Angst zulassen oder vielleicht sogar provozieren, damit man die Angst vor der Angst verliert."

Vera Hermes hat kein Interesse daran, ihre Angst zu überwinden. Das muss wohl an ihrem "speziellen" Flugerlebnis liegen, das noch immer nachwirkt: Bei einem Landeanflug im Orkan startete ihre Maschine zweimal kurz vor dem Aufsetzen durch und kreiste jeweils noch 20 Minuten über Hamburg. Als der Flieger schließlich doch noch landete, schickte nicht nur Hermes ein Dankesgebet gen Himmel: "Die Maschine war vollbesetzt, alles Businessleute mit Vielflieger-Pokerface. Doch selbst die waren kreidebleich und haben nach der Landung geklatscht." Nach so einem Erlebnis hilft auch keine Statistik mehr...

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