Duell Armstrong gegen Ullrich könnte schon jetzt Vergangenheit sein
Wenn die Tour ohne ihren natürlichen Sieger startet

Vielleicht ist dieses Mal die Straße frei. Jan Ullrich will auch 2005 wieder versuchen, nach 1997 noch ein zweites Mal die Tour de France zu gewinnen. Dreimal war er seit 2000 Zweiter hinter Lance Armstrong, seinem großen und für ihn unschlagbaren Rivalen. Doch derzeit deutet einiges darauf hin, dass der Amerikaner bei der Tour 2005 fehlen wird und die Fans auf eines der mitreissendsten Sportduelle der vergangenen Jahre verzichten müssen.

HB BERLIN. Ullrich gegen Armstrong, der nach einer Krise inklusive Ecstasy-Missbrauch zurückgekommene deutsche Sportheld gegen den fast unmenschlich perfekt und kalt wirkenden Armstrong. Sechsmal hintereinander hat Armstrong nun die Tour gewonnen, ein Rekord für die Ewigkeit. Jetzt sei es an der Zeit, sich neue Ziele zu setzen, hat der Texaner verlauten lassen. Seine Saisonvorbereitung sieht anders aus als in den Jahren zuvor, zudem will er im Frühjahr einige Klassikerrennen bestreiten. Und erst danach entscheiden, ob er bei der Tour an den Start geht. So steigt der Spannungsbogen mindestens schon einmal bis zum Mai.

Ein Grund dafür, dass Armstrong eigentlich bei der Tour fahren muss, liegt darin, dass sein Team einen neuen Hauptsponsor hat. Nachdem die amerikanische Post den Vertrag nicht verlängert hat, bezahlt nun der Fernsehsender Discovery Channel für die nächsten zwei Jahre den Rennstall. Es ist schwer vorstellbar, dass der neue Teamsponsor Armstrong nicht dazu verpflichtet hat, bei der Frankreich-Rundfahrt zu starten. Die Tour ist das einzige Radrennen, dass in den USA überhaupt von der Masse wahrgenommen wird. Und auch in Europa konzentriert sich für die Sponsoren vieles auf die spektakulären drei Wochen vom 2. bis zum 24. Juli. Doch ein siebter Sieg Armstrongs könnte ähnliche Langeweile und ein sinkendes Interesse bringen wie die Dominanz von Michael Schumacher in der Formel 1. Deshalb gibt es Spekulationen, dass der Amerikaner in diesem Jahr pausiert, um dann 2006 seinen Nachfolger zu einem Duell herauszufordern, dass sich als großer Showdown verkaufen lässt.

Gegen dieses Gedankenspiel spricht, dass die Tour de France in einem Sportjahr ohne Fußball-Weltmeisterschaft oder Europameisterschaft und Olympische Spiele noch mehr Aufmerksamkeit bekommt als ohnehin schon. Zudem kann der inzwischen 33-jährige Armstrong nicht mehr viele Jahre auf seinem einzigartigen Niveau fahren.

Jan Ullrich würde sich darüber freuen, wenn er im Juli wieder einmal versuchen dürfte, dieses Niveau zu erreichen. "Die Tour noch einmal zu gewinnen ist nur dann eine große Sache, wenn Lance dabei ist", sagt Ullrich. Auch er denkt immer noch an ein Duell, das eigentlich schon jetzt der Vergangenheit angehört. Die Straße wäre für Ullrich auch ohne Armstrong nicht frei. Im vergangenen Jahr landete Ullrich hinter Andreas Klöden und Ivan Basso auf dem vierten Platz. Und würde der junge Italiener Damiano Cunego nicht vor der Tour seinen Vorjahressieg beim anstrengenden Giro d?Italia wiederholen wollen, hätte die Tour einen weiteren Favoriten.

Wenn Armstrong nicht fährt, ist Ullrich keineswegs der logische Sieger. Aber genau das würde von ihm erwartet werden. Es wäre eine neue, unangenehme Rolle für Ullrich, der nicht mehr die Hoffnung der Zuschauer verkörpern würde, dem unbeliebten Armstrong eine Niederlage beizubringen. Stattdessen wäre Ullrich der Gejagte, obwohl er sportlich wohl nicht stärker einzuschätzen ist als einige andere Fahrer. Mit diesem Druck kann er sicher leben. Auch wenn die Tour de France nur mit Armstrong eine tolle Sache ist.

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