„Dümmer geht nicht“
BVB zahlt hohen Preis für Last-Minute-Blackout

Zwischen Traum und Trauma lagen ganze zwei Minuten. Das grausame Ende eines großartigen Fußball-Abends sorgte im Tollhaus Westfalenstadion für einen abrupten Stimmungswechsel. Binnen Sekunden schlug die Begeisterung der Fans in Frust, der Stolz der BVB-Profis in Ärger über den dummen Blackout in der Nachspielzeit um. Denn mit dem späten Treffer von Einwechselspieler Javier Portillo für Real Madrid zum 1:1-Endstand verspielte Borussia Dortmund fast alle Chancen auf den Einzug in das Viertelfinale der Champions League.

HB/dpa DORTMUND. Matthias Sammer fiel es zunächst schwer, die Contenance zu wahren: "Das Lehrgeld, was wir zahlen, ist einfach zu hoch", schimpfte der Borussen-Trainer, "man muss in der Schlussminute nicht versuchen, um die goldene Ananas zu spielen."

Der erste Zorn Sammers richtete sich gegen Marcio Amoroso und Giuseppe Reina. Beide kurz vor dem Abpfiff eingewechselten Spieler schlugen die taktischen Anweisungen des Trainers in den Wind, stürmten munter drauflos und brachten ihr Team um den Lohn harter Arbeit. Die durch eine verletzungsbedingte Auswechslung des Brasilianers Dede verwaiste linke Abwehrseite wurde damit zum Ausgangspunkt des letzten erfolgreichen Real-Angriffs. Verständnislos schüttelte Nationalspieler Torsten Frings den Kopf: "Blöder geht es nicht. Wir haben den Ball, führen 1:0 und werden wenige Sekunden vor Schluss noch ausgekontert. Das darf einfach nicht passieren."

Mit der Einwechslung der beiden Angreifer ging jene taktische Disziplin verloren, die den BVB in den 90 Minuten davor ausgezeichnet hatte. Unbeeindruckt vom Ausfall des Ideengebers Tomas Rosicky hatte die Borussia dem hoch gelobten Luxuskader aus Madrid mit tollem Kombinationsfußball alles abverlangt und nach dem Treffer von Jan Koller (22.) lange wie der Sieger ausgesehen. Der atemberaubende Schlagabtausch beider Mannschaften verzückte selbst DFB-Teamchef Rudi Völler: "Das war von Anfang bis Ende absolut fesselnd. Man musste kein BVB - oder Real-Fan sein, um von diesem Spiel begeistert zu sein."

Vor allem die Weltklasse-Leistung von Jens Lehmann hinterließ bleibenden Eindruck. Nur drei Tage nach seiner viel diskutierten "Ampelkarte" beim Revierderby "auf Schalke" tat der BVB-Torhüter Buße und brachte die Real-Angreifer zur Verzweiflung. Doch auch der überragende Nationalkeeper konnte nicht verhindern, dass Madrid den Ein-Punkte-Vorsprung auf Dortmund in der Gruppe C der Zwischenrunde wahrte und nur noch durch fremde Hilfe von Tabellenplatz zwei verdrängt werden kann. Sichtlich geknickt schlich Abwehrspieler Christoph Metzelder aus der Kabine: "Wir sind bis an die Schmerzgrenze gegangen. Aber jetzt ist da nur noch Leere."

Erst mit größerem zeitlichen Abstand zu jener unglücklichen Schlussminute fielen die Urteile von Sammer moderater aus. Das kam vor allem Amoroso zugute. Noch scheint die Geduld des Trainers mit dem divenhaften Bundesliga-Torschützenkönig der vorigen Saison nicht aufgebraucht zu sein. Vehement trat er Einwänden der Amoroso-Kritiker entgegen, die immer lauter Konsequenzen fordern: "Marcio genießt weiter mein vollstes Vertrauen. Es kann nicht sein, dass es uns gut und ihm schlecht geht. Da mache ich nicht mit."

Wie schnell aus einem Einwechselspieler ein gefeierter Held werden kann, stellte Portillo unter Beweis. Wie schon am vergangenen Wochenende beim 3:1-Erfolg gegen den Ligakonkurrenten Real Valladolid erzielte der 21 Jahre alte Angreifer fast umgehend einen Treffer. Gegen den BVB benötigte er ganze 59 Sekunden, um das "Wunder von Dortmund" ("El Pais") perfekt zu machen. "Es war das Tor meines Lebens", schwärmte Portillo. Nicht nur die aus Madrid angereisten Fans feierte den neuen Stern am Real-Himmel euphorisch: "Das Tor von Portillo kann von historischer Bedeutung sein. Es ebnete Real den Weg zum zehnten Europacup-Sieg", schrieb die spanische Sportzeitung "As".

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