Düstere Lage der Weltwirtschaft
Die Weltwirtschaft lahmt: Keine Panik

Das Bild wandelt sich. Klammerten sich die Finanzmärkte im ersten Halbjahr noch an die Hoffnung, die US-Wirtschaft würde vergleichsweise rasch aus der Krise herausfinden, dominieren derzeit pessimistische Einschätzungen.

HB. Am deutlichsten zeigt sich das an den Devisenmärkten: Seit Tagen schon ist der US-Dollar auf Talfahrt, und der Euro profitiert als Krisengewinnler. Ob sein Zwischenhoch sich zu einer Trendwende auswächst, steht freilich in den Sternen.

Denn die flexible Ökonomie der Vereinigten Staaten ist nicht mit der des strukturell kranken Japans zu vergleichen. Die USA befinden sich "nur" in einem Konjunkturabschwung. Dieser wird durch die Korrektur der Fehlinvestitionen des vergangenen Booms verstärkt. Das mag die Wirkung der monetären Injektionen des Alan Greenspan mindern und die Trendwende hinauszögern. Der anhaltende Lagerabbau und der zehnte, wenn auch abgeschwächte Fall der Industrieproduktion in Folge deuten darauf hin. Im Gegensatz zu Japan aber erwartet kein Analyst für die USA, dass die monetären Impulse verpuffen werden. Die Erwartung einer Trendwende im zweiten Halbjahr ist keineswegs unrealistisch.

Damit präsentiert sich die Lage der Weltwirtschaft düster, aber nicht pechschwarz. Mit den USA, Deutschland und Japan in der Stagnation ist die Wachstumsdynamik naturgemäß begrenzt. Ernsthafte Signale für eine lang anhaltende Krise gibt es aber nicht. Das begrenzt auch das Aufwärtspotenzial des Euros: Die ersten Zeichen der Erholung in den USA werden den Dollar wieder an Stärke gewinnen lassen. Dann wird erneut ins Blickfeld rücken, dass die Euro-Wirtschaft sich trotz aller deutschen Schwächen zwar vergleichsweise robust präsentiert, dass es an Wachstumskraft aber nach wie vor fehlt.

Der Internationale Währungsfonds nutzt die Gelegenheit dennoch, eine Lieblingsthese erneut aufzutischen: die der gefährlichen Ungleichgewichte in Zahlungsbilanzen und Wechselkursen. Seit den 80er-Jahren importieren die USA nahezu ständig mehr Kapital, als sie ausführen; der zugehörige Kapitalbilanzüberschuss bringt ein Plus der Importe über die Exporte mit sich. Das Leistungsbilanzdefizit ist auf Rekordniveau gewachsen. Wie schon seit Jahren warnt der IWF nun, das Defizit könne sich rapide umkehren, der Dollar ins Bodenlose stürzen und damit auch der Euro schlagartig aufwerten.

Unmöglich ist ein solches Szenario nicht. Aber ist es wahrscheinlich? Die fundamentale Wachstumskraft der USA spricht dagegen, auch ohne Verweis auf die Wunderwirtschaft der New Economy. Im 19. Jahrhundert haben die USA über vergleichbar lange Zeiträume netto Kapital importiert, wenn auch nicht ganz im heutigen Ausmaß. Als Vorläufer einer Krise hat das niemand gewertet. Solange die USA als Investitions- und Anlagestandort überzeugender sind als etwa der Euro-Raum und solange Anleger diese Chancen nutzen, brauchen Leistungsbilanzdefizite nicht zu stören.

Wichtiger als scheinbare Ungleichgewichte der Wirtschaft ist somit, dass überzogene Krisenszenarien die Panikmache der Globalisierungsgegner unterstützen, die Finanzmärkte spielten verrückt. Das Problem der Weltwirtschaft verbirgt sich nicht in Zahlungsbilanzen, sondern in der Ängste schürenden Art internationaler Organisationen und Politiker. Schon wittern die Anhänger einer "Tobin-Tax" Morgenluft, die freie Kapitalmärkte durch eine Steuer auf Kapitalströme an die Kandare nehmen wollen. Dazu wird es zum Glück nicht kommen. Dennoch liegt das wahre Risiko der Wirtschaftslage nicht in der Reaktion der Märkte, sondern in der Reaktion der Politik.

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