Düsteres binnenwirtschaftliches Umfeld
Japan nach einem verlorenen Jahrzehnt am Scheideweg

In Japan liegen die Nerven blank. Wie gereizt die Stimmung derzeit ist, zeigte sich jüngst in der wütenden Reaktion des japanischen Finanzministers auf den Vorschlag des Internationalen Währungsfonds (IWF), einen weiteren Nachtragshaushalt in Erwägung zu ziehen.

vwd TOKIO. Wie gereizt die Stimmung derzeit ist, zeigte sich jüngst in der wütenden Reaktion des japanischen Finanzministers auf den Vorschlag des Internationalen Währungsfonds (IWF), einen weiteren Nachtragshaushalt in Erwägung zu ziehen. Solcherlei Ratschläge seien eine "Einmischung in die inneren Angelegenheiten" giftete Masajuro Shiokawa. Auch die Prognose des Fonds, die japanische Wirtschaft werde im laufenden Jahr um glatt ein Prozent schrumpfen, sei unprofessionell. Doch auch das Gros der Analysten prognostiziert für 2002 ein Minus der Wirtschaftsleistung von 1,1 Prozent, nachdem sie schon 2001 um ein halbes Prozent gefallen war. Für das kommende Jahr geht der IWF dann von einem bescheidenen Wachstum von 0,8 Prozent aus.

Japan befindet sich in der schwersten Rezession der Nachkriegszeit und erlebt bereits den dritten realwirtschaftlichen Abschwung der vergangenen zehn Jahre. Schon werden Vergleiche mit der katastrophalen "Showa-Depression" in den Jahren 1918 bis 1933 gezogen.

Doch waren zuletzt auch erste Anzeichen zu erkennen, dass sich Teilbereiche der Wirtschaft erholen und die von Shiokawa erwartete Belebung in der zweiten Jahreshälfte Wirklichkeit werden könnte. So stieg die Industrieproduktion im März verglichen mit dem Vormonat um ein halbes Prozent, das erste Quartal verzeichnete einen Zuwachs in gleicher Höhe und auch die Exporte zogen jüngst an.

Obwohl das Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (METI) auch für die beiden nächsten Monate steigende Zahlen vorhersagt, räumte es zugleich ein, dass sich die Zuwächse der Industrieproduktion auf nur einige Wirtschaftsbereiche konzentrieren; insgesamt sei eine eher stagnierende Produktionsleistung zu beobachten. Auch liegen die Zahlen noch immer deutlich unter den Werten des Vorjahres.

Einig sind sich Beobachter jedoch, dass sich die globale konjunkturelle Erholung wie auch der verhältnismäßig schwache Außenwert des Yen positiv auf die Exporte niederschlagen werden. Dass dieser Impuls allein aber ausreicht, um Japan zurück auf einen Wachstumspfad zu bringen, ohne dass die dürftige Binnennachfrage anzieht, ist schwer vorstellbar.

Angesichts der für japanische Verhältnisse historisch hohen Arbeitslosenrate von zuletzt 5,3 Prozent, die zudem als statistisch deutlich unterschätzt gilt, dürfte der private Konsum kaum Aufwärtspotenzial besitzen.

Auch die seit zwei Jahren grassierende Deflation erstickt die Konsumlust der Japaner und treibt die ohnehin enorm hohe Sparleistung. Nach dem gerade vorgestellten Halbjahresbericht der japanischen Notenbank (BoJ) ist auch weiterhin mit einer rückläufigen Preisentwicklung zu rechnen, da angebots- wie nachfrageseitig Abwärtsdruck bestehe.

Daneben lasten die erodierenden Unternehmensgewinne auf den Einkommensperspektiven und trüben zugleich die Investitionsneigung. Umfragen lassen zumindest bis zum Jahresende weiter sinkende Unternehmensinvestitionen erwarten. Angesichts des düsteren binnenwirtschaftlichen Umfelds stellt sich die Frage, mit welcher Rezeptur das Land aus seiner Lethargie geführt werden könnte. Der fiskal- wie geldpolitische Spielraum ist jedoch arg begrenzt. Die Verzweiflung darüber scheint bereits so groß, dass sich das Finanzministerium jetzt dazu hinreißen ließ, generell die Seriosität und Glaubwürdigkeit von Ratingagenturen in Zweifel zu ziehen.

Dahinter steht die Befürchtung, die verschlechterte Bonitätsbeurteilung könnte die Zinsen am langen Ende in die Höhe treiben und so den erhofften Aufschwung zunichte machen. Darüber hinaus würde die Tilgung der exorbitanten Staatsschuld verteuert. Die Einstufung japanischer Staatsanleihen nur knapp über jener etwa von Titeln Botswanas könnte die aktuelle Strategie der BoJ verderben, den Rentenmarkt durch die Absorption eines Drittels der staatlichen Neuverschuldung zu entlasten.

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