Duisenberg: Euro ist bereits heute eine Erfolgsstory
Währungsunion auch ohne Politische Union

Nur 13 Prozent der offiziellen Devisenreserven werden in Euro gehalten. EZB-Präsident Wim Duisenberg beunruhigt dies nicht. Er ist zuversichtlich, dass das Europa-Geld auch als internationale Währung seinen Weg machen wird. Der Euro wirbt am Markt für sich selbst, sagte der EZB-Chef dem Handelsblatt.

HB FRANKFURT/M. Für den Präsidenten der Europäischen Zentralbank, (EZB), Wim Duisenberg, ist der Euro bereits heute eine Erfolgsstory. Die Verleihung des Karlspreises 2002 an die neue Währung erfüllt ihn mit Stolz. Duisenberg sieht darin eine Anerkennung der wichtigen Rolle, die der Euro im europäischen Integrationsprozess spielt.

"Der EZB ist es gelungen, im Euro-Raum für Preisstabilität zu sorgen", sagte Duisenberg dem Handelsblatt. "Wenn die Bürger erst einmal die Euro-Münzen und-Noten in ihrem Portemonnaie haben, wird die Akzeptanz des neuen Geldes deutlich wachsen." Umfragen zeigten, dass die Zustimmung zum Euro während der vergangenen Monate gestiegen sei.

Duisenberg ist zuversichtlich, dass das Europa-Geld auch als internationale Währung seinen Weg machen wird. "Das geht ganz von alleine - auf Grund seiner Stabilität und der Leistung der europäischen Wirtschaft", glaubt der EZB-Präsident. Die Notenbank überlasse es dem Markt, darüber zu entscheiden. "Am Markt wirbt der Euro für sich selbst."

Den EZB-Präsidenten beunruhigt es nicht, dass die Gemeinschaftswährung auf internationalem Parkett noch keine dem Dollar ebenbürtige Rolle spielt. So werden gegenwärtig nur etwa 13 % der offiziellen Devisenreserven in Euro gehalten. Der Dollar habe über sechs Jahrzehnte gebraucht, um das Pfund Sterling als international führende Währung abzulösen.

Duisenberg verweist auf die Erfolge, die die neue Währung auf internationalem Terrain schon erzielt hat: Am internationalen Bondmarkt wurden zeitweise schon mehr auf Euro als auf Dollar lautende Staats- und Unternehmensanleihen emittiert. Mehr als 50 Länder in der östlichen Hemisphäre haben ihre Währung in der einen oder anderen Weise an den Euro gekoppelt.

Eine internationale Reservewährung zu sein, bringt zudem nicht nur Vorteile, gibt der EZB-Präsident zu bedenken. "Man hat keine vollständige Kontrolle mehr über die Geldpolitik, wenn ein großer Teil der eigenen Währung von Gebietsfremden gehalten wird, auch wenn es sich dabei um Notenbanken handelt." Die Bundesbank habe sich lange gegen die Verwendung der D-Mark als Reservewährung gesperrt. Schließlich habe sie sich den Marktkräften gebeugt. "Mit dem Euro wird es uns ähnlich gehen."

Nach Ansicht von Duisenberg spielt der Euro eine wichtige Katalysator-Rolle im europäischen Integrationsprozess. Als engagierter Europäer vertritt er die persönliche Ansicht, die Euro-Bargeldeinführung und der Binnenmarkt würden dafür sorgen, dass die europäische Gesetzgebung, etwa die Steuergesetzgebung, in einem langen Prozess stärker harmonisiert wird. Dieser Prozess der graduellen Harmonisierung nahezu aller Politikbereiche in Europa werde sich bei einem Fortbestehen autonomer Nationalstaaten vollziehen. Duisenberg rechnet nicht mit einer Verschmelzung der derzeit 15 EU-Staaten zu einem einzigen europäischen Staat.

"Die These, dass die Währungsunion ohne gleichzeitige Politische Union nicht funktionieren könne, habe ich nie geteilt", sagte Duisenberg. Die vergangenen drei Jahre bestätigten, dass eine Währungsunion sehr wohl ohne Politische Union funktionieren könne. Was unter einer Politischen Union wirklich zu verstehen ist, sei bis heute nicht geklärt.

Natürlich müsse die einheitliche europäische Geldpolitik mit anderen Politiken, vor allem der Haushalts- und Finanzpolitik der Mitgliedstaaten, verzahnt sein. Für die Haushaltspolitik setze der europäische Stabilitäts- und Wachstumspakt einen bindenden Rahmen. "Es gibt für die zwölf Finanzminister in der Euro-Zone keine völlige Freiheit."

Duisenberg dämpft die Erwartungen der mittel- und osteuropäischen Länder, sie könnten nach den für das Jahr 2004 erwarteten ersten Beitritten zur EU auch bald Mitglied der Währungsunion werden. Auf die Frage, wie viele Staaten dem Euro-Gebiet 2010 angehören werden, antwortete der EZB-Chef lächelnd: "Wenigstens zwölf." Die Beitrittsländer hätten noch einen langen Weg der Konvergenz zu gehen, nicht nur zur Erfüllung der Maastricht-Kriterien. Es liege in ihrem eigenen Interesse, auch ein gutes Stück realer Konvergenz zu erreichen, das heißt, ihre wirtschaftliche Leistungs- und Wettbewerbskraft der der Euro-Länder anzunähern.

Skeptisch sieht Duisenberg eine Ausdehnung des Avantgarde-Prinzips auf andere Politikbereiche. Nach dem Avantgarde-Prinzip schreiten wie in der Währungsunion einige Länder in der Integration schneller voran als andere. Die Tendenz der zwölf Euro-Staaten, eine eigene Gruppe in der 15er-Gemeinschaft zu bilden, habe einen teilenden Effekt. "Das ist gefährlich", erklärt Duisenberg. "Dadurch wird der Zusammenhalt, die Kohäsion der 15 Staaten gefährdet. Man muss sehr, sehr behutsam vorgehen."

Der am Wochenende im belgischen Laeken beginnende Prozess zur Schaffung einer europäischen Verfassung hat für die EZB inhaltlich keine direkte Relevanz. "Die Verfassung der EZB, die ihre Unabhängigkeit garantiert, ist der Maastricht-Vertrag. Dort ist auch das Ziel der EZB klar beschrieben. Unsere Aufgabe ist es, im Euro-Raum für Preisstabilität zu sorgen. Keine Verfassung sollte und könnte dies ändern."

Hoffnungen auf eine baldige Senkung der Euro-Leitzinsen ließ der EZB-Chef nicht aufkommen. Unter Annahme des derzeitigen Zinsniveaus erwartet die EZB, dass die Inflationsrate zu Beginn nächsten Jahres unter 2 % fallen und im Durchschnitt der Jahre 2002 und 2003 bei 1,5 % oder bei 1,6 % liegen wird. Duisenberg: "Der aktuelle Kurs der Geldpolitik ist angemessen, weil er mit Preisstabilität auf mittlere Sicht vereinbar ist."

Möglichen Inflationsrisiken durch zu hohe Lohnabschlüsse steht der EZB-Präsident abwartend gegenüber. "Es gibt Hinweise darauf, dass die Abkühlung der Konjunktur im Euro-Raum die Gewerkschaften bremst und sich die Lohnzurückhaltung - von Ausnahmen abgesehen - fortsetzt."

Die Zinsen senken würde die Europäische Zentralbank dann, "wenn wir zu dem Schluss kämen, dass wir unsere Annahmen zur Inflationsentwicklung der nächsten eineinhalb Jahre nach unten korrigieren müssten". Andererseits dürften die Zinsen aber auch nicht gesenkt werden, wenn sich schon wieder eine konjunkturelle Erholung abzeichne. Für das kommende Jahr erwartet die EZB im Euro-Raum ein leicht stärkeres Wachstum als in den USA.

Sehr skeptisch ist der EZB-Chef gegenüber der Wirksamkeit geldpolitischer Instrumente zur Belebung der Wirtschaft. "Ich sage nicht, dass die Geldpolitik nichts bewirken kann. Auf jeden Fall ist es nicht viel."

Einflussmöglichkeiten sieht Duisenberg dann, wenn ein Abschwung seine Ursache in einem Mangel an Vertrauen der Marktteilnehmer in die Zukunft hat. Die Geldpolitik könne helfen, das Vertrauen wieder herzustellen. "Wir reden hier aber über den psychologischen Transmissionsmechanismus." Der sei schwierig einzuschätzen. "Quantifizieren kann ich ihn gar nicht." Dass die Politiker dennoch bei jedem Nachlassen der wirtschaftlichen Dynamik nach einer aktiveren Geldpolitik rufen, nimmt Duisenberg gelassen hin. "Sie benutzen die Geldpolitik sehr oft als Sündenbock für etwas, was sie selbst nicht zu Stande bringen."

Persönlich ist Duisenberg davon überzeugt, dass die Geldpolitik den größten Beitrag zu gesundem Wirtschaftswachstum leistet, wenn sie hilft, für ein stabiles Umfeld zu sorgen. "Ich hoffe, dieses Image der Stabilität so stark wie möglich zu vermitteln. Haushalte und Unternehmer müssen ihre Investitionsentscheidungen im Vertrauen darauf treffen können, dass auf die Zentralbank Verlass ist und auch in Zukunft Preisstabilität herrscht."

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