Duisenberg wegen offener Art auch oft in der Kritik: "Mister Euro" wählt den ehrenvollen Abgang

Duisenberg wegen offener Art auch oft in der Kritik
"Mister Euro" wählt den ehrenvollen Abgang

Am Ende überraschte Wim Duisenberg die Finanzwelt doch wieder: Wochenlang hatte er offen gelassen, wann er als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) zurücktreten werde.

afp FRANKFURT. Und als die Diskussion gerade wieder verebbte, legte sich der Niederländer nun auf ein konkretes Datum fest: In bester Notenbanker-Tradition will er an seinem 68. Geburtstag, dem 9. Juli 2003, in den Ruhestand gehen. Fünf aufregende Jahre werden dann hinter ihm liegen, in denen er als erster Hüter der noch jungen Gemeinschaftswährung Europa ins Euro-Zeitalter führte.

Bereits bevor der heute 66-Jährige am 1. Juni 1998 als EZB-Chef antrat, hatte er erklärt, dass er aufgrund seines Alters nicht die volle Amtszeit von acht Jahren an der Zentralbank-Spitze bleiben wolle. Allgemein wurde damals erwartet, dass er bald nach der Euro-Bargeldeinführung im Sommer 2002 die Spitzenposition frei machen würde. Doch zum Jahresanfang signalisierte Duisenberg fröhlich, dass er dieses Jahr noch bleiben werde. Über das Datum seines Rücktritts hüllte er sich in Schweigen - ungeachtet fast täglicher Nachfragen.

Trotz der aufgeregten Debatten ging dem Niederländer in dieser Frage kein einziges missverständliches Wort über die Lippen. Dabei gilt Duisenberg als äußerst offener Mensch - und genau dieser gewöhnlich geschätzte Wesenszug brachte ihm als EZB-Präsident oftmals harsche Kritik ein. Legendär ist sein ebenso offenherziges wie folgenschweres Zeitungsinterview im Oktober 2000, in dem er eine Intervention zu Gunsten des schwächelnden Euro als unwahrscheinlich einschätzte und damit die Gemeinschaftswährung auf Talfahrt schickte. Danach hagelte es derartige Kritik von Finanzexperten, dass das Ansehen Duisenbergs arg in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Doch der groß gewachsene Mann mit dem weißen Wuschelhaar blieb an der Spitze der Notenbank, obwohl er auch in der Folgezeit das eine oder andere Mal mit seinen Äußerungen für Irritationen sorgte. Spätestens mit der erfolgreichen Euro-Bargeldeinführung galt sein Renommee als wieder hergestellt. Seine ebenso dynamische wie unleserliche Unterschrift prangt nun auf den Banknoten, die 305 Millionen Bürger Europas aus zwölf Staaten seit Anfang des Jahres in den Händen halten.

Wenn er im Alter von 68 Jahren das Ruder in der zweitwichtigsten Notenbank der Welt abgibt, kann Duisenberg auf eine erfolgreiche und bewegte Laufbahn zurückblicken: Nach seinem Abitur im Jahr 1954 studierte der 1935 in Heerenveen geborene Friese Wirtschaftswissenschaften an der Universität Groningen. Dort promovierte er 1965 auch über "ökonomische Folgen der Abrüstung". Seine berufliche Karriere begann er beim Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington. Von 1970 bis 1973 war er schließlich Professor für Volkswirtschaft an der Universität Amsterdam.

Nach dieser Lehrtätigkeit zog es Duisenberg in die Politik: Er wurde niederländischer Finanzminister und machte vor allem mit einer strikten Sparpolitik von sich Reden. Doch schon 1977 endete dieses Kapitel. Der Sozialdemokrat zog in den Vorstand der Rabobank, die er 1981 in Richtung niederländische Notenbank verließ. Nur ein Jahr später wurde er deren Präsident und blieb es 15 Jahre lang. 1997 wurde er Präsident des Europäischen Währungsinstituts (EWI), der EZB-Vorgängerin, 1998 dann zum ersten EZB-Präsidenten gekürt. Am Donnerstag kündigte er nun selbst das Ende seiner beeindruckenden Karriere in der Finanzwelt an.

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