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Durchkommerzialisierung von Kultur

Stellen Sie sich vor, Sie haben ihren Jahreswagen verkauft und auf einmal bekommen sie Post. Der Fahrzeughersteller verlangt seinen Anteil vom Verkaufspreis der Fahrzeugs. Schließlich hat er ihn ja auch gebaut und als Jahreswagen ist er schließlich so gut wie neu.

Begründung für die Forderung: Konstrukteure, Arbeiter, Angestelle und Händler verlangen nicht mehr als einen fairen Anteil an ihrer Hände Arbeit. Nur so könnten in Zukunft noch neue Autos konstruiert und gabaut werden. Durch ihren Weiterverkauf - schließlich wurde der Wagen speziell für ihre Nutzung gebaut - ist zudem der potenzielle Verkauf eines Neuwagens verhindert worden.

Abstrus? Nun ja, wenn es um ein Auto geht, sicherlich (noch). Nicht aber, wenn es um Musik-CD geht. Vertreter der Musikindustrie denken mittlwerweile laut darüber nach, jedesmal auch einen Anteil zu verlangen, wenn gebrauchte CD in einem Laden verkauft werden. Schließlich sei diese CD ja so gut wie neu. Das trifft zumindest auf den Inhalt zu. Der unterscheidet sich tatsächlich in seiner digitalen Qualität nicht von der gleichen CD, die zum Neupreis im Musikregal gleich daneben liegt. Verlockend für Verkäufer ist auch die Wertstabilität selbst alter CDs: Die Silberscheiben vieler Top-Künstler werden oft genug auch nach Jahren noch immer zum festgemauerten Einheitspreis in den Läden angeboten. Hier macht sich die wettbewerbsermüdende Konzentration im Musikmarkt bemerkbar. Nur fünf große Anbieter beherrschen den Markt fast komplett.

Doch ist das wirklich ein Grund, für einen einmal verkauften Tonträger bei jedem erneuten Verkauf einen Anteil einfordern zu können? Das Problem liegt woanders. Mal wieder ist der Kunde der Verbrecher schlechthin. Hinter vorgehaltener Hand heißt es ganz locker: Es wird doch sowieso nur noch gekauft um zu kopieren und dann die Originalscheibe im Second Hand Laden wieder zu verhökern. Wenn man das schon nicht verhindern kann, will man wenigstens daran mitverdienen. Und wenn eine Gebraucht-CD dann zwanzig Mal den Besitzer wechselt - um so besser.

Die neue Diskussion, so merkwürdig sie zunächst erscheinen mag, muss ernst genommen werden. Sie ist nur der Vorbote dessen, was uns erwartet, wenn sich sie digitale körperlose Vermarktung von Musik und Film tatsächlich einmal durchsetzen wird. Es wird nur noch persönliche, nicht weiter veräußerbare digitale Nutzungsrechte geben. Das wäre wie heute ein ultimatives, gesetzlich sanktioniertes Weiterveräußerungsverbot für im Handel erworbene CD. Die Musikindustrie will da hin, wo die Softwareindustrie heute fast schon ist.

Die CD oder DVD als Ware wird verschwinden. Auch Leihbüchereien oder (Internet-)Radioausstrahlungen von Liedern sind den Verantwortlichen längst ein Dorn im Auge. Die Durchkommerzialisierung des globalen Kulturguts Unterhaltung wird sich im digitalen Zeitalter dramatisch beschleunigen. Obwohl viele Zukunftsszenarien, die das enfant terrible der New Economy, Jeremy Rifkin, in seinem Buch "Access - Das Verschwinden des Eigentums" beschreibt, erkennbar nicht eingetroffen sind, ist dieser Trend nicht aufzuhalten.

Das sollte man sich immer vor Augen halten, wenn sich heute Musikmacher und-verkäufer gerne als die untimativen Gralshüter des Kulturerbes der Menschheit gegen die wilden, raubkopierenden Internetbarbaren darstellen wollen. In Wahrheit geht es in erster Linie um den machtvollen und lückenlosen Zugriff auf kommerzielle Erlösquellen. Die Politik und letztlich wir alle sind dringend aufgefordert, hier mit zu diskutieren. Die Kultur der Menschheit ist über Jahrtausende nicht dadurch weiterentwickelt worden, dass man den Zugriff auf Kunst, Kultur und Literatur immer so restrktiv wie möglich gehandhabt hat. Im Gegenteil. Kultur lebt von Vielfalt und Offenheit. Nur dadurch bekommt sie immer wieder neue Impulse. Doch dafür ist eine gewisse Durchlässigkeit erforderlich. Auch wenn sie einige theoretisch erzielbare Umsatzeuro kostet.

Die richtige Balance zwischen öffentlichem Interesse und kommerziell richtigem und wichtigen Urheberschutz im digitalen Zeitalter ist noch immer nicht gefunden. Doch die Zeit drängt. Die digitale Revolution wird kommen, so oder so. Wir müssen vorbereitet sein.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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