Durchwachsene Debüts
Kahns Standpauke nach der Schmach

Der Schmach von Mallorca folgte die Standpauke des Kapitäns: Nach der 1:3-Pleite gegen Spanien ging Oliver Kahn auf Distanz zu seinen Kollegen und beklagte in bemerkenswerter Schärfe die mangelnde Einsatzbereitschaft in den Reihen des Vize-Weltmeisters.

HB/dpa PALMA DE MALLORCA. "Wenn ich hier spiele als deutsche Nationalmannschaft, dann muss ich Herz zeigen, dann muss ich Einsatz zeigen. So lasse ich mich nicht vorführen", wetterte der "Welttorhüter des Jahres" über seine Vorderleute, die er schon während der ernüchternden 90 Minuten mehrfach und lautstark zusammengestaucht hatte.

Einmal in Rage, war Kahn kaum noch zu bremsen. "Ich hoffe, dass sich das einige zu Herzen nehmen; dass einige aufwachen und verstehen, um was es in solchen Länderspielen geht. Gegen solche Mannschaften geht es um Prestige, um Image und um internationale Anerkennung. Ich hatte auf dem Platz nicht das Gefühl, dass das alle so erkennen. Da waren einige in Gedanken schon wieder bei ihrem Verein", ereiferte sich der 33-jährige Keeper des FC Bayern München. Den öffentlichen Wutausbruch begründete er mit den Worten: "Wir dürfen keine Augenwischerei betreiben."

Volle Unterstützung erhielt Kahn von Teamchef Rudi Völler, dem der Zorn ebenfalls ins Gesicht geschrieben stand, der seinem Ärger aber mit moderateren Tönen Luft verschaffte. "Mangelnde Laufbereitschaft im Mittelfeld" und "fehlende Grundordnung" machte der 42-Jährige dafür verantwortlich, dass sein Team knapp drei Monate nach dem 1:3 gegen die Niederlande zum zweiten Mal in Folge gegen einen namhaften Gegner verdientermaßen den Kürzeren zog. Die Tatsache, dass er in der zweiten Halbzeit durch die Verletzungen von Debütant Tobias Rau (Sehnenreizung im Knie) und Frank Baumann (Muskelfaserriss im Oberschenkel) seinen Abwehrverbund permanent umstellen musste, wollte Völler nur zum Teil als mildernde Umstände werten. "Da stand eine Mannschaft auf dem Feld, in der wenig zusammengepasst hat", urteilte der Coach, dessen Team seit Oktober 2000 keinen Gegner aus den "Top 10" der Weltrangliste mehr bezwungen hat.

Die Gewinner des Abends waren diejenigen, die krank oder verletzt zu Hause vor dem Fernseher das Geschehen in Palma de Mallorca mitverfolgt hatten: Michael Ballack, Dietmar Hamann und Torsten Frings sind im Mittelfeld nicht zu ersetzen. Der spielerisch biedere Jens Jeremies, der taktisch unbedarfte Jörg Böhme und der von seiner Bestform meilenweit entfernte Carsten Ramelow präsentierten sich nur als Platzhalter von internationalem Durchschnitt. Dieses Trio wie auch Totalausfall Miroslav Klose durfte sich in erster Linie von Kahns Kritik angesprochen fühlen.

Lediglich Bernd Schneider war um Linie bemüht. Als Völler mit Rücksicht auf das kommende Programm den Leverkusener in der 74. Minute beim Stand von 1:1 vom Platz holte, kam das ohnehin nur rudimentär vorhandene Aufbauspiel völlig zum Erliegen. Und in der Abwehr, in der Christoph Metzelder einen schwarzen Tag erwischte, brachen alle Dämme. "Aus dem Mittelfeld ist nichts gekommen. Und man hat gesehen, dass einige Spieler derzeit kein Selbstvertrauen haben", stellte DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder treffend fest. Noch deutlicher wurde Ex-Nationalspieler Günter Netzer, der als TV- Kritiker Mängel in allen Mannschaftsteilen ausmachte: "Es hat uns gefehlt an Harmonie, wir haben es an Laufbereitschaft vermissen lassen, die Abwehr hat zu viel zugelassen, das Zweikampfverhalten hat nicht gestimmt."

Bei den Frischlingen Rau, Benjamin Lauth und Hanno Balitsch - allesamt erst 21 Jahre jung - war wenigstens das Bemühen vorhanden, weshalb Völler sie auch von jeder Kritik ausdrücklich ausklammerte: "Mit den Debütanten kann man recht zufrieden sein. Sie hatten es besonders schwer, weil Spieler fehlten, an die sie sich hätten anlehnen können." So kam das Trio über mehr oder weniger hoffnungsvolle Ansätze nicht hinaus.

Der Noch-Wolfsburger Rau deutete bis zu seiner Verletzung an, dass er auf der linken Problemzone zu einer dauerhaften Lösung reifen kann. "Löwen"-Stürmer Lauth ließ nach seiner Einwechslung in der letzten halben Stunde erahnen, welches Potenzial in ihm steckt. Der Leverkusener Balitsch hingegen ging in der Schlussphase mit dem deutschen Team unter.

"Davon geht die Welt nicht unter, aber es war ganz lehrreich", fasste Völler den Murks im Stadion "Son Moix" zusammen. Hoffnungsfroh stimmt im Hinblick auf das nächste EM-Qualifikationsspiel am 29. März gegen Litauen allerdings nur, dass sich die DFB-Auswahl in aller Regel zu steigern weiß, wenn es um Punkte und nicht nur um die Ehre geht. Bezeichnenderweise gewann die Nationalelf von den sechs Spielen seit dem WM-Endspiel in Yokohama nur zwei: die beiden EM- Qualifikationsspiele in Litauen und gegen die Färöer-Inseln.

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