Dynamische Routenplaner sollen künftig Staus verhindern helfen
Navigationssysteme reagieren auf Zuruf

Autobauer und ihre Zulieferer tüfteln am Navigationssystem der Zukunft. Dieses soll nicht nur am Stau vorbei lenken, sondern den Fahrer auch hören und die Wegbeschreibung in die Windschutzscheibe projizieren.

DÜSSELDORF. Die Navigationssysteme der nächsten Generation werden zu wahren Datenwundern: Sie werden von anderen Autos und Verkehrsleitzentralen mit immer mehr Informationen gefüttert. Bisher stützen sie sich vor allem auf Staumeldungen, auf die auch Radiosender zurückgreifen.

Besonders in Ballungsgebieten wird deutlich: Die bisherigen Verfahren stoßen an ihre Grenzen. Niemand weiß, was abseits der Autobahn auf Landstraßen und in Städten los ist. Das soll sich ändern: "Künftige Navigationssysteme sollen nicht nur die optimale Strecke berechnen, sondern auch dafür sorgen, dass Staus gar nicht entstehen oder sich schneller auflösen", sagt Walter Scholl, Leiter des Forschungsprojekts "Intelligenter Verkehr und nutzergerechte Technik" - kurz "Invent".

Bei Invent arbeiten 23 Unternehmen, darunter sechs Autobauer, mit Unterstützung des Bundes zusammen. Zwei Teilprojekte beschäftigen sich mit Navigationssystemen, erste Tests in Magdeburg sind abgeschlossen. "Wir sind entscheidende Schritte vorangekommen, aber es dauert sicher noch eine Fahrzeuggeneration bis zum Serieneinsatz", sagt BMW-Sprecher Tobias Nickel.

Für Nahstrecken bekommen die Navigationssysteme zusätzliche Informationen von den Stadtverwaltungen, unter anderem über Großveranstaltungen oder Ampelschaltungen. Hinzu kommen historische Daten - etwa welche Straßen Freitagnachmittags immer voll sind. Für größere Distanzen nutzen die Systeme Daten, die andere Autos liefern. "Die Sensorik registriert jeden elektrischen Verbraucher im Wagen; solche Informationen können wir nutzen", sagt Nickel. Das Prinzip ist simpel: Werden viele Fahrzeuge langsamer, ist das ein Signal für Stau. Ein ausgelöster Airbag zeigt einen Unfall an. Und wenn bei stark sinkender Temperatur das Antiblockier-System (ABS) eingreift, signalisiert das Glätte. All das sendet das Navigationssystem per Mobilfunk zu einer Zentrale. Eine Software verarbeitet die Meldungen und schickt anschließend die Routenempfehlungen zurück.

In einigen Jahren soll auch eine direkte Funkverbindung zwischen den Wagen möglich werden. Dann könnten Warnungen übermittelt werden wie "Vorsicht, in fünf Kilometern ist es glatt". Der direkte Kontakt könnte auch dazu dienen, Staus aufzulösen. "Die Systeme erkennen die Struktur von Stauwellen und versuchen, den Verkehr zu moderieren", sagt Walter Scholl. So bekommen Fahrer auch gemeldet, mit welcher Geschwindigkeit sie am besten aus dem Stau heraus beschleunigen. Die Navigationssysteme könnten auch einem Teil der Autos eine Umleitung empfehlen, während sie anderen Fahrzeugen raten, auf der Autobahn zu bleiben. "Für die Fahrzeug-Fahrzeug-Kommunikation zwischen unterschiedlichen Automarken müssen aber erst Standards etabliert werden", sagt Daimler-ChryslerSprecher Andreas Vill.

Auch die Benutzerfreundlichkeit der Navigationssysteme wird verbessert. "Schon bald wird es möglich sein, den Städtenamen per Sprachbefehl einzugeben", sagt Johannes Winterhagen, Sprecher vom Elektronikzulieferer Siemens VDO. In ein paar Jahren könnten Befehle à la "zum Büro" ausreichen.

Mercedes plant zum Beispiel für seine E-Klasse eine Ortseingabe via Spracherkennung. Siemens VDO wird ab dem kommenden Jahr ein Navigationssystem in Serie bauen, das die Routenhinweise in die Windschutzscheibe projiziert. "Das ist gerade in komplexen innerstädtischen Situationen ein enormer Sicherheitsgewinn", sagt Winterhagen.

Von der Stauvermeidung profitieren nicht nur die gestressten Fahrer - auch die gesamtgesellschaftliche Entlastung wäre enorm: Der volkswirtschaftliche Schaden durch Staus wird vom ADAC allein in Deutschland auf täglich 250 Millionen Euro taxiert.

Um einen verbesserten Verkehrsfluss in Innenstädten kümmert sich ein weiteres Forschungsprojekt: "Stadtinfo Köln". Induktionsschleifen und Infrarotdetektoren sammeln dabei Verkehrsdaten der Domstadt. Alle Parkhäuser sind vernetzt; eine Zentrale kennt die freien Plätze. Beide Informationen sendet sie per Mobilfunk an das Navigationssystem. "Die Testphase ist fast abgeschlossen, aber konkrete Umsetzungspläne gibt es noch nicht", sagt Ford-Sprecherin Monika Wagener.

Entscheidend wird auch künftig die Güte der Verkehrsdaten sein. Alternativ zu den Rundfunk-Staumeldungen, die im Traffic Message Channel (TMC) über Radiofrequenzen verbreitet werden, bietet auch die Vodafone-Tochter Passo Informationen an. Fahrer von BMW-Oberklasse-Modellen, die mit dem so genannten Assist-System ausgestattet sind, können diese abonnieren. Die Daten stammen von privaten Anbietern wie der DDG Gesellschaft für Verkehrsdaten in Düsseldorf. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben 4 000 stationäre Erfassungssysteme wie Sensoren und 5 000 Induktionsschleifen errichtet. Zudem sind 20 000 Autos als fahrende Sensoren im Einsatz.

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%