E-Learning kann Präsenzseminare nicht völlig ersetzen
Online-Schulung ist kein Selbstläufer

Viele Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern Weiterbildung per Computer an. Doch bringt E-Learning nur etwas, wenn es in ein Bildungskonzept integriert ist. Ein Allheilmittel zum Geld sparen ist es daher schon gar nicht.

HB DÜSSELDORF. Brigitte Fromm kennt sich mit Computern und ihren Programmen gut aus. Fünf Stunden sitzt sie täglich zu Hause vor ihrem PC, um im Frühling einen "Computerführerschein" zu machen. Wenn sie nicht über eine virtuelle Lernplattform im Internet lernt und sich mit ihrem Teletutor austauscht, trifft sie einmal wöchentlich die übrigen Kursteilnehmer. Seit Oktober letzten Jahres bildet sie sich bei der Handwerkskammer Düsseldorf weiter.

Die Kammer wendet richtig an, was viele Unternehmen noch falsch machen. Trotz zahlreicher technischer Möglichkeiten setzt sie auf ergänzende Präsenzseminare: Die Teilnehmer können ihrem Lehrer, den sie aus ihren PC-Lerneinheiten als Teletutor kennen, von Angesicht zu Angesicht Fragen stellen und sich vergewissern, dass sie zu einem real existierenden Weiterbildungskurs gehören.

E-Learning kann Präsenzseminare nicht völlig ersetzen

"Viele deutsche Unternehmen wollen Seminare durch E-Learning ersetzen. Das geht nicht", erklärt Michael Hack, Marketing Manager bei Saba, einem Anbieter von Lernsoftware. Dennoch versuchen zahlreiche E-Learning-Dienstleister, ihre Inhalte und Software mit dem Argument der Einsparpotenziale zu verkaufen. Sie weisen darauf hin, dass bis zu 60 Prozent der Weiterbildungskosten bisher bei den Reisekosten lagen und suggerieren, dass E-Learning auf Präsenzseminare verzichten könne.

"E-Learning muss als Teil eines durchdachten Bildungskonzeptes verstanden werden. Nur mal eben einige Kursangebote ins Intranet zu stellen, bringt nichts." Heiner Ensel, Bereichsleiter für Informationstechnologie (IT) bei der CSC Ploenzke Akademie, bestätigt, dass bei reinen computer- oder web-basierten Kursen (Computer Based Training - CBT, Web Based Training - WBT) die persönliche Betreuung zu kurz kommt. "Das konventionelle Seminarprogramm darf auf keinen Fall gestrichen werden. Damit würde nicht ein Mehr an Bildung erreicht werden, sondern das Gegenteil."

Unternehmen stehen der großen Anzahl von Lernlösungen meist hilflos gegenüber

Dem großen Angebot an Lernlösungen stehen viele Unternehmen noch hilflos gegenüber: Die Zahl der Anbieter ist in dem stark fragmentierten Markt kaum überschaubar. Auf der diesjährigen Fachmesse Learntec in Karlsruhe stellten 228 Aussteller ihre Produkte vor. Im Vorjahr waren es noch 160. Nach Untersuchungen der amerikanischen Marktforscher von International Data Cooperation (IDC) soll der europäische E-Learning-Markt bis 2004 auf vier Milliarden Dollar anwachsen - bei jährlichen Steigerungsraten von knapp 100 Prozent.

Die Frage, welche Lernsoftware in die Weiterbildung des Unternehmens integriert wird, sollte sich das Personalmanagement wohl überlegen: "E-Learning ist kein Instrument zur Kosteneinsparung. Es bietet vielmehr die Möglichkeit, die Qualifikation von Mitarbeitern zu verbessern. Dazu sind in aller Regel erst einmal Investitionen nötig", sagt Heiner Ensel von der CSC Ploenzke Akademie. Die Anschaffung von Software und Plattformen verschlingt große Summen. Laut Berechnungen des Plattformanbieters IMC Saarbrücken kostet eine Lösung für Unternehmen mit bis zu 1 000 E-Learning-Arbeitsplätzen 750 000 Mark. Kleinere Unternehmen mit bis zu 100 Mitarbeitern, die Software und Plattformen mieten sollten, müssten jährlich 100 000 Mark aufwenden.

Nicht alle Inhalte eignen sich für die Vermittlung via Internet

Die Allianz-Versicherung hat eine Million Mark in ihr E-Learning-Projekt für Auszubildende investiert. Projektleiter Christof Weinzierl hält nichts davon, diese Summe gegen mögliche Erfolge aufzurechnen. "Der Kostenpunkt steht nicht im Vordergrund. Es geht darum, die Qualität der Ausbildung zu steigern." Inzwischen versucht Weinzierl, seine Lernsoftware auf dem freien Markt zu verkaufen. Eigenen Angaben zufolge haben sich bereits Interessenten gemeldet.

Nicht alle Inhalte eignen sich für die Vermittlung via Internet. "Technische Inhalte lassen sich leichter vermitteln als beispielsweise Rhetorikschulungen und Motivationsseminare", sagt Christina Bolduan, Senior Consultant bei Raytheon, einem internationalen Trainingsanbieter. Aus diesem Grund hat Jürgen Kohr, Geschäftsführer von Sigs-Datacom, sein Unternehmen auf die Bedürfnisse der Informationstechnologie zugeschnitten: "Der Bedarf an E-Learning-Lösungen ist bei den IT-Kräften am größten. Ihr Fachwissen verfällt so schnell, dass Schulungen permanent nötig sind. Hinzu kommt, dass EDV-Fachkräfte dieses Medium von vornherein akzeptieren."

Auch der Mittelstand entdeckt E-Learning

Nicht nur Großunternehmen bieten ihrer Belegschaft E-Learning-Kurse an, auch Mittelständler entdecken diese Weiterbildung für sich. "Die Nutzer unserer Online-Kurse kommen aus Drei-Personen-Betrieben genauso wie einem Unternehmen mit 170 000 Mitarbeitern", berichtet Hermann Röder, Geschäftsführer der Zentralstelle für Weiterbildung im Handwerk (ZWH). Thyssen Krupp Engineering bildet seine Mitarbeiter über die Software der Handwerkskammer weiter. Andere versuchen es auf eigene Faust oder beauftragen einen Dienstleister: Lufthansa schult beispielsweise sein Bodenpersonal via Internet, Lucent Technologies, Debis und Faber Castell bieten ihren Mitarbeitern IHK-Kurse online an. Ford bezieht auch seine US-Händler in die Online-Schulungen ein.

Doch E-Learning eignet sich besonders zum individuellen Lernen: Der Hausfrau und Mutter Brigitte Fromm gefällt das Lernen am PC sehr gut: "Der größte Vorteil ist, dass ich mein Tempo selbst bestimmen kann. In herkömmlichen Kursen bin ich immer schneller oder langsamer als der Rest gewesen."

Sowohl die IHK als auch die Handwerkskammer bieten ihren Mitgliedern E-Learning-Kurse an.

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