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Die Anschlagsgewinnler

Die Schweigezeit der Zyniker dauerte erstaunlich lang. Erst in diesen Tagen tauchen im Internet die ersten Witz-E-Mails mit Bezug auf die Terroranschläge vom 11. September auf.

Die Schweigezeit der Zyniker dauerte erstaunlich lang. Erst in diesen Tagen tauchen im Internet die ersten Witz-E-Mails mit Bezug auf die Terroranschläge vom 11. September auf. Da wird die Skyline von New York mit einer Moschee versehen und die Freiheitsstatue mit einem Schleier verhängt - dezenter Humor für Netz-Verhältnisse. Erstaunlich, schließlich kursieren sonst schon wenige Stunden nach weltbewegenden und weniger bewegenden Ereignissen respektloseste Gag-Fotodateien und Filmchen im World Wide Web. Die Anonymität hilft eben, so manche Fessel zu sprengen - und sei es nur die des guten Geschmacks. Doch nach den Bildern des einstürzenden World Trade Center und des brennenden Pentagon schien selbst der schwarzseligen Online-Gemeinde das Lästern vergangen zu sein.

Damit erwies sie sich wohl zum ersten Mal als weniger bösartig als so manches Unternehmen. Mehr als einen Tag brauchten die Online-Auktionshäuser beispielsweise, um die privaten Versteigerungen von Andenken an das World Trade Centers zu stoppen, sogar Trümmerteile wurden schon angeboten. Allerdings galt dieser Bann bei Ebay nur bis Ende September. Danach rief der US-Versteigerer zur "Auction for America": Privatleute dürfen Gegenstände spenden, die zugunsten der Hinterbliebenen der Anschläge versteigert werden. Sogar der New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani beteiligt sich. Die erhöhten Werbeeinnahmen durch mehr Klicks unterstützen jedoch nur einen: Ebay.

Ähnlich wohltätig gibt sich Pop-Star Michael Jackson: Für vier Dollar können Fans im Web eine Benefiz-Karte ordern, die an ihre Freunde per herkömmlicher Post versandt wird. Das Geld soll an die Familien der Terror-Opfer gehen, die Klicks an Jacksons Firma MJ Net Entertainment.

In Deutschland profilieren sich Firmen dagegen viel offensichtlicher als Katastrophengewinnler. Noch nicht einmal sieben Stunden, nachdem die erste Maschine in das World Trade Center gerast war, versuchte der TM Börsenverlag bereits, die Verunsicherung für sich zu nutzen: In einem E-Mail-Newsletter mahnte er, die Emotionen dürften "auf keinen Fall Auslöser für Ihre finanziellen Entscheidungen sein!" Stattdessen möge man sich doch an die Ratschläge des TM-Redaktionsteams halten.

Ähnlich geschmackvoll wies das IT-Unternehmen Psi Net auf seine Leistungen hin. Fast 100 Firmen hätten ihre Datenbestände retten können, weil sie in den Riesenspeichern von Psi Net gelagert wurden, vier Straßen vom World Trade Center entfernt. Damit nicht genug: "Die Furcht vor weiteren Terroranschlägen auf Flugzeuge wird viele international tätige Firmen veranlassen, ihren Reiseverkehr zu überdenken", prophezeit das Unternehmen und präsentiert seine Lösung: "Psi Net zählt zu den Pionieren bei Videokonferenzen."

Mike Campbell, Kreativ-Direktor der weltweit agierenden Werbeagentur J. Walther Thompson, prophezeit, dass Werbung in den kommenden Monaten weniger überdreht gestaltet würde, fokussierter auf Werte denn auf Produkte, transportiert durch warmen, zurückhaltenden Humor - und: "Zynismus wird völlig an den Rand gedrängt." Werbung ohne Zynismus? Vielleicht im Tonfall - aber im Internet bestimmt nicht in der Absicht.

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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