E-Mail aus New York
Sie trauen sich wieder

Wir hatten sie schon fast vergessen: Die abgedrehten Werbespots aus der Zeit des Internet-Booms. Doch heute, fast zwei Jahre nach dessen Ende, trauen sie sich wieder hervor.

Einzelne Internet-Broker und Reise-Portale gehen im US-Fernsehen ein weiteres Mal auf Kundenfang und werben mit dem Nutzen des Webs. Ein Beispiel: Da fragt in einem Spot eine Frau ihren Mann kurz vor dem Einschlafen, wie es wohl mit dem Bankkredit fürs Eigenheim läuft. "Ich schau? mal nach", sagt der Gatte, steht auf und geht in den imaginären, virtuellen Auktionsraum von Lendingtree.com. Dort drängeln sich die Vertreter, um sich mit ihren Konditionen zu unterbieten. "Wenn die konkurrieren, sind Sie der Gewinner", erklärt die Stimme aus dem Off.

Da schläft es sich doch gleich besser, und mit seiner neuen Werbung ist Lendingtree nicht alleine: Satte 10 Millionen Dollar investiert die Internet-Reiseagentur Hotels.com in ihre aktuelle Fernsehkampagne. Im Spot vergleichen zwei Geschäftsreisende, was sie fürs Hotel bezahlt haben. Die Moral: Wer online bucht, der spart. Auch das Reise-Auktionshaus Priceline will sich wieder auf den Bildschirm trauen: William Shatner, der Darsteller von Captain Kirk aus "Star Trek", soll für die Schnäppchenseite werben. Und der Internetbroker E-Trade, der dieses Jahr 20 % mehr für Werbung ausgeben will, fährt seine Kampagne mit einer guten Portion Selbstironie. Die Spots machen sich über Exzesse der Internet-Euphorie lustig: Ein Personaler stellt Leute ohne Erfahrung und Referenzen mit einem kumpelhaften Schulterklopfen ein. Und eine Gruppe grauhaariger Risikokapitalisten lässt sich von zwei stammelnden Studis, deren Internet-Seite noch gebaut wird, überzeugen, ihr Geld zu investieren. Der Spot endet mit dem Schriftzug: Die Zeiten haben sich geändert - E-Trade.

Selbst an der Börse wagen sich vereinzelte Dotcoms wieder aus der Deckung: Das Unternehmen Paypal.com, das den Zahlungsverkehr auf Auktionsseiten wie E-Bay erleichtert, platzierte seine Aktien im Februar trotz Miesen erfolgreich am Markt. Noch immer liegt die Aktie fast 50 % über dem Ausgabepreis. Auch andere Internet-Firmen spielen mit dem Gedanken, an die Börse zu gehen - auch wenn die Welle freilich eine sehr kleine bleiben dürfte. Ähnlich sieht es beim Marketing aus, denn das Werbevolumen bleibt weit von den mehr als 2,5 Milliarden Dollar entfernt, die die Dotcoms 1999 in ihre Kampagnen pulverten. Auffallend ist das überraschende Comeback der Web-Firmen aber allemal - nach dem Spiel ist vor dem Spiel, so hat es den Anschein, nur haben die Teilnehmer diesmal hoffentlich besser trainiert.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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