e-Mail aus San Francisco
Dringend gesucht: Vorstandschefs

Die Bosse haben die Faxen dicke. In den vergangenen drei Wochen verging kaum ein Tag, an dem nicht ein hochkarätiger Vorstandsvorsitzender eines Internet-Unternehmens seinen Schreibtisch räumte und die Tür hinter sich schloss - für immer.

Von Sigrun Schubert
HANDELSBLATT.

Den Anfang machte Tim Koogle, Chef des Internet-Portals Yahoo. Es folgten: Keith Krach vom B2B-Software-Hersteller Ariba, Sanjiv Sidhu vom Rivalen I2, George Shaheen vom Online-Lieferdienst Webvan, Jeff Dachis von der Web-Beratung Razorfish, George Bell vom Zugangsanbieter Excite@Home - und das sind nur die prominentesten. Für die Aussteiger ist das Kapitel Internet- Unternehmer abgeschlossen, aus, vorbei und Ende, sollen sich doch andere mit dem Job herumärgern.

Die Frage ist nur: Wer? Der Begriff "Dotcom-Unternehmen" hat seinen guten Klang längst verloren. Statt an Ruhm, Ehre und Millionen denken mögliche Kandidaten für den Chefsessel eher an Entlassungen, Verkäufe und Neupositionierungen. Und für solch einen Höllenjob gibt es nicht mal einen dicken Batzen Schmerzensgeld: Millionen-Boni sind aus Spargründen gestrichen, Aktienoptionen eher Trostpreis als Hauptgewinn. Kein Wunder, dass sich qualifizierte Kandidaten von Internet-Jobs fernhalten.

14 Monate lang blieb der Chefposten von Covisint- der Einkaufsplattform der Autoindustrie - unbesetzt. Sechs Monate lang suchte Excite@Home nach einem Nachfolger für Bell. Auch der von Yahoo beauftragte Headhunter kamen lange ohne Beute zurück: Top-Kandidaten wie Bob Pittman, Vorstand von AOL Time Warner, oder der Wagniskapitalgeber und Ex-Oracle-Vorstand Ray Lane haben abgewunken.

Fast scheint es, als seien die Unternehmen schon froh, wenn überhaupt jemand den Top-Job annimmt. Die Analysten sind da anspruchsvoller: Fehlende Erfahrung werfen sie dem neuen Yahoo-Chef Terry Semel vor, über Covisint-Chef Kevin English, zuvor im Netz nur bei Privatanleger-Plattformen aktiv, und Excite@Home-Chefin Patti Hart.

Doch blasse Gesichter sind das Letzte, was die Web- Branche brauchen kann. Mehr als in der traditionellen Industrie müssen helle Köpfe den Investoren klar machen, warum sie weiter Geld in defizitäre Unternehmen stecken sollen. Chef zu sein, ist in diesen Tagen eben ein lausiger Job, aber einer muss ihn machen. Nur darf dieser eine nicht irgend jemand sein.

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