E-Mail aus...San Francisco
Gesang der Sirenen

Wie die Irrfahrten des Odysseus seien die letzten Jahre in der Technologie-Branche gewesen, behauptet Bruce Temkins, Analyst beim inzwischen für seinen euphorischen Optimismus bekannten Marktforscher Forrester.

Und wer die Sage kennt, weiß: Alles wird gut. Odysseus erreicht nach langen Wehen und Wirren den Heimathafen Ithaca und fällt seiner geliebten Penelope in die Arme. Die Sorgen sind vorbei, Glückseligkeit obsiegt.

Gleiches hofft Temkins auch für die Technologiebranche. Nach einer stürmischen Reise wähnt der Analyst den heimischen Ankerplatz nah: Bereits im nächsten Jahr soll die IT- Branche seinen Prognosen zufolge um 10 % wachsen. Wie er zu dieser sibyllinischen Aussage kommt? Durch Umfragen und das Fortschreiben von Trendlinien. Das Modell funktioniere natürlich nur, wenn die Wirtschaft so stark wachse wie angenommen, schränkt der Analyst ein. Mehr noch: Temkins Vorausschau beruht auf der Annahme, dass mit Web-Services und einem intelligenteren, interaktiven Internet, bei dem Software mit anderer Software kommuniziert und selbständig Aufgaben erfüllt, binnen zehn Jahren enorme Produktivitätssteigerungen von im Schnitt 15% erzielt werden. Wer die neuen Techniken nicht nutze, werde von der Konkurrenz abgehängt, lautet ein klares Fazit aus den viel versprechenden Zahlenreihen.

Für Unternehmen kann das nur heißen: Neue Technologie kaufen, was das Zeug hält. Und wenn die Nachfrage wieder stark anzieht, sind Wachstumsraten von mehr als 10% ein Klacks. Oder? Wer hier ein Déjà-Vu-Erlebnis hat, liegt gar nicht so daneben. Schließlich wurden mit dem gleichen Argument auf der Höhe des Internet-Booms Unternehmen dazu getrieben, massiv in Hard- und Software zu investieren. Wer nicht mitmache, so hieß es damals, würde vom Internet-Warenhaus Amazon und seinesgleichen aus dem Weg geräumt.

Leider haben die Prophezeihungen von damals Spätfolgen: Wenige Firmen fühlen sich nach dem Kaufrausch der späten 90er Jahre jetzt technologisch unterversorgt, die Nachfrage im IT-Bereich wird wohl deshalb noch eine Weile gedämpft bleiben. Zumal sich die Unternehmen durch düstere Orakel über den gefährlichen Technologievorsprung der Konkurrenz nicht mehr schnell einschüchtern lassen. Wer sich also auf die optimistischen Wachstumsprognosen verlässt, läuft Gefahr, wie Odysseus vom rechten Kurs abzukommen. Denn vielleicht klingen die optimistischen Voraussagen ja auch eher wie der Gesang der Sirenen. Und wenn der ertönt, so musste auch Odysseus schmerzlich erfahren, ist der sichere Hafen noch in weiter Ferne.

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