E-Mail-Dienstleister GMX verschiebt kurzfristig den Börsengang – Letsbuyit.com gibt sich optimistisch
Nervosität bei Börsenkandidaten steigt

Die Stimmung für Internet-Werte kippt. Nach dem Aus für den Online-Modeshop Boo.com sagte gestern der E-Mail-Dienstleister GMX überraschend den fest geplanten Börsengang ab. Experten erwarten jetzt das weitere Aus von Internet-Firmen und eine nochmalige Eintrübung der Stimmung.

HANDELSBLATT, 23.5.2000 MÜNCHEN/FRANKFURT/M. "Eine hochqualitative Emission können sie auch in schwierigen Zeiten platzieren", sagte Karsten Schramm, Gründer und Vorstandschef des E-Mail-Dienstleisters GMX noch Mitte April dem Handelsblatt. Gestern nun musste Schramm kurzfristig den Gang an den Neuen Markt, der für diesen Donnerstag geplant war, absagen. Der Grund: Mangelnde Nachfrage. Zudem sahen die Börsianer das Konzept der Werbefinanzierung von GMX kritisch. GMX wollte bis zu 132 Mill. Euro erlösen. "Wir hätten platzieren können", betonte Schramm gestern zwar. Doch habe sich das Unternehmen nicht "unter Wert" verkaufen wollen. Die Stimmung habe sich während des Bookbuildings verschlechtert, auch durch die Pleite des Mode-Onlinehändlers Boo.com. Jetzt will GMX zunächst über ein Privatplatzierung bei institutionellen Kunden das dringend benötigte Kapital beschaffen. Die Details seien noch nicht ausgehandelt. Die Expansionspläne von GMX seien aber nicht gefährdet, die Liquidität sicher gestellt, sagte Schramm. Später soll ein zweiter Anlauf an die Börse unternommen werden. Bei GMX-Großaktionär United Internet (knapp 65 %), einer Internet-Holding, hieß es, der Börsengang werde erfolgen, sobald es die Rahmenbedingungen zulassen. Bereits das Going Public der United-Internet-Tochter Jobs & Adverts war verschoben worden. Diese Aktien-Platzierung wie auch die von Adlink, ebenfalls eine Konzerntochter, verliefen bisher enttäuschend. United Internet brachen gestern um zeitweise mehr als 10 % auf nur noch gut 190 Euro ein. Das 52-Wochen-Hoch lag bei 500 Euro. An der Konzernstrategie werde sich aber nichts ändern, so ein Sprecher. "Es wird mit Sicherheit auch für die andere Emissionen sehr schwer werden", sagte GMX-Chef Schramm. Leichte Nervosität macht sich auch bei dem nächsten Internet-Börsenaspirant, Letsbuyit.com, breit. "Wir halten an den Plänen fest", sagte Deutschland-Chef Rolf Hansen. Man sei auf ein stürmisches Umfeld eingerichtet. Die Internet-Firma mit Sitz in Amsterdam will an diesem Donnerstag die Preisfindungs-Phase einleiten. "Wir sind für alle Eventualitäten gerüstet und warten die nächsten Tage ab", fügte aber ein Letsbuyit-Sprecher an. Für die Investment-Bank Robertson Stephens, die erstmals Konsortialführer ist, steht viel auf dem Spiel. Skeptisch sind auch die Analysten. Wassili Papas von Union Investment beispielsweise erwartet eine allgemeine Marktbereinigung bei Internet-Unternehmen: "Boo.com war nicht das letzte Unternehmen, das unterging," sagte Papas. Auf lange Sicht ist der Top-Fondsmanager aber nach wie vor zuversichtlich und kauft Aktien dieser Branche, da er für sie außergewöhnlich starke Wachstumsaussichten sieht. "Zur jetzigen Zeit sind einige wirklich gute Internet-Werte zu einem guten Preis zu haben", meinte Papas. Daher gelte es umso mehr, im Bereich Internet stark zu selektieren, fügt Papas an. Für chancenlos hält er die Anbieter reiner Portale. Gute Entwicklungsmöglichkeiten sieht er hingegen bei Software-Anbietern für das Internet oder Logistikunternehmen, die im Internet georderte Ware koordinieren. Auch Unternehmen, die Internetseiten entwerfen, seien empfehlenswert. Dass nach GMX nun etliche weitere Kandidaten ihren Börsengang verschieben, kann sich dagegen Michelle Lang vom Bankhaus Sal. Oppenheim nicht vorstellen. Die auf Internet-Werte spezialisierte Analystin sieht die Marktentwicklung aber noch über den Sommer hinweg als schwach, weswegen die Investoren ihrer Ansicht nach bei Internet-Aktien vorsichtig agieren werden. Ab dem Herbst erwartet sie dann mit einem anziehenden Markt wieder bessere Chancen für Internet-Werte. Anlegern, die sich für Titel dieser Branche interessieren, empfiehlt sie, auf die Entwicklung der Seitenaufrufe (Page-Impressions) und der Nutzer (User) im Vergleich zur Umsatzentwicklung zu achten. Als negatives Beispiel dafür nennt sie Fortunecity.

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