E-Mail von der Wall Street
Buffett, der Lokführer

Hat Börsianer Warren Buffett auf das richtige (Dampf-)Ross gesetzt? Prinzipiell sind die USA ein Land, dass mehr von Autos als von der Eisenbahn geprägt ist. Dennoch investiert Buffet in den Schienenverkehr – und das hat Nachahmer gefunden.

NEW YORK. Damit hat mal wieder keiner gerechnet. Während die meisten Börsianer unter Internetstars wie Google und Yahoo die Gewinner von morgen suchen, investieren Sie, lieber Warren Buffett, in Eisenbahn-Aktien. Und das in Amerika, dem Land, das seine große Eisenbahnvergangenheit gegen sechsspurige Highways eingetauscht hat. Das sieht auf den ersten Blick wie ein Rückfall in die Epoche der Industriellen Revolution aus – mitten im digitalen Zeitalter. Handelt es sich hier also um die Totalverweigerung eines 76jährigen oder wieder mal um den cleveren Schachzug eines genialen Großinvestors?

Es spricht viel dafür, dass Sie, Mr. Buffett, die richtige Nase haben. So ist nicht nur der Londoner Hedge-Fonds TCI ihrem Beispiel gefolgt, sondern auch der Finanzinvestor Carl Icahn hat sich auf die Schienen begeben. Wenn Hedge-Fonds und aggressive Anleger wie Icahn im großen Stil Eisenbahn-Aktien kaufen, kann man davon ausgehen, dass dies nicht aus Nostalgie geschieht.

Die Investoren setzen vielmehr darauf, dass die steigenden Preise für Dieselkraftstoffe die relative Wettbewerbsposition der Eisenbahn zum Frachtverkehr auf der Straße verbessern. Außerdem profitieren die modernen Lokomotivführer davon, dass die Regierung eine weitere Liberalisierung des Schienenverkehrs vorbereitet und die Waggons durch Billigimporte aus China gefüllt werden.

Bleibt die Frage, warum langfristig denkende Wert-Investoren wie Sie, Mr. Buffett, und kurzfristig orientierte Renditejäger wie Icahn und TCI die gleiche Strategie verfolgen. Man darf davon ausgehen, dass Sie angesichts der weltweiten Energieknappheit tatsächlich an ein langfristiges Comeback der Eisenbahn glauben. Die Renditejäger setzen hingegen darauf, dass sie den Zugführern im Management der Eisenbahngesellschaften Beine machen können. Das Rezept für einen schnellen Profit haben sie gleich mitgebracht: mehr Schulden, mehr Aktienrückkäufe und höhere Transportpreise.

Auch der Rest der Börsenwelt hat inzwischen Wind von der Sache bekommen. Die Aktien amerikanischer Eisenbahngesellschaften sind auf den höchsten Stand seit zwölf Monaten gestiegen. Wenn Buffett und Icahn Hand in Hand marschieren, mag sich so mancher gedacht haben, muss dabei etwas abfallen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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