E-Mail von der Wall Street: Checkliste für Notenbanker

E-Mail von der Wall Street
Checkliste für Notenbanker

Mit Ben Bernanke möchte momentan niemand tauschen - auch nicht Torsten Riecke. Damit es nicht wieder zu solchen Chaos-Tagen wie den vergangen kommt, schlägt unser Korrespondent dem Notenbanken-Chef einen Kompass für die US-Geldpolitik vor, mit dem die Investoren seinen Kurs in Zukunft besser deuten können.
  • 0

an: Ben.Bernanke@fed.org

Mit Ihnen, lieber Ben Bernanke, möchte im Moment wirklich niemand tauschen. Da trommeln Sie als Chef der Federal Reserve an einem Feiertag ihre Notenbanker zusammen und beschließen die größte Zinssenkung seit dem Ende der Tauschwirtschaft. Und was ist der Dank? "Die Hilfe kommt viel zu spät", mäkeln die einen. "Die Hilfe dient nur den Spekulanten", wettern andere. Und die Märkte wissen auch nicht so recht, was sie davon halten sollen.

Damit es nicht wieder zu solchen Chaos-Tagen kommt, brauchen wir unbedingt einen Kompass für die US-Geldpolitik. Ich habe daher eine Checkliste gemacht, mit der Sie den Zinshebel bedienen und die Investoren Ihren Kurs besser deuten können. Orientiert habe ich mich an den gesammelten Weisheiten, die Sie selbst und Ihr legendärer Vorgänger Alan Greenspan allen Notenbankern über die Jahre ins Stammbuch geschrieben haben: Geldpolitik soll in kleinen Schritten vorgehen: Das kann man von einem Zinssprung von 0,75 Prozenpunkten wahrlich nicht behaupten.

Die Notenbank soll der wirtschaftlichen Entwicklung vorauseilen: Auch dieses Kriterium erfüllen Sie und Ihre Kollegen derzeit nicht, rennen Sie doch dem Konjunkturabschwung seit Monaten hinterher.

Geldpolitik soll berechenbar sein und die Märkte nicht überraschen: Hier reicht es nur für ein Ungenügend, da Sie mit Ihrem Zick-Zack-Kurs die Investoren verwirrt haben.

Notenbanker sollen nicht auf Börsenkurse reagieren: Ihre Botschaft höre ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Offenbar hat vor allem der Kurssturz in Europa und Asien Sie zu der Not-Zinssenkung getrieben.

Geldpolitiker sollen bei ihren Maßnahmen die Eintrittswarscheinlichkeit von Ereignissen als auch deren Folgen für die Wirtschaft bedenken: Misst man ihre letzte Aktion an diesem Kriterium, muss man davon ausgehen, dass Sie mit einer schweren Rezession in Amerika rechnen.

Notenbanker sollen entschlossen handeln, um eine unmittelbare Gefahr abzuwenden: Hier haben Sie ein Plus verdient - wenn man davon überzeugt ist, dass sich mit der Zinsmedizin die wirtschaftlichen Folgen der Krise mildern lassen.

Fazit: Nobody is perfect. Aber Sie haben noch Potenzial nach oben. riecke@handelsblatt.com

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%