E-Mail von der Wall Street
Cleverness und Chuzpe

Es wird Zeit, dass wir die Finanzkrise einmal von einer anderen Warte aus betrachten. Wer sind eigentlich die cleversten Krisenmanager? Gemeint sind damit nicht die besten Hausmeister, die den Schaden für ihre Unternehmen möglichst gering halten. Gesucht sind vielmehr kreative Köpfe, die eine Krise als Chance begreifen und daraus Kapital schlagen.

an: henry.kravis@kkr.com

Nach einer ersten Zwischenbilanz kann man sagen, dass Sie, Mr. Kravis, und Ihre Buy-out-Strategen von KKR sicher zur letzteren Kategorie gehören. Wobei Cleverness und Chuzpe bei Ihnen Hand in Hand gehen.

Besonders deutlich wird das bei der Übernahme des amerikanischen IT-Dienstleisters First Data durch KKR. Die Finanzierung des Milliarden-Deals galt in der Branche gemeinhin als Gradmesser, ob es den Banken nach der Kreditklemme des Sommers gelingt, wieder hochriskante Kreditpakete für Übernahmefinanzierungen am Markt unterzubringen. Als die Finanzhäuser im September bei Ihnen anfragten, ob man die Kreditpakete nicht mit zusätzlichen Sicherheiten etwas attraktiver verpacken könnte, pochten Sie auf die zuvor gemachten Finanzierungszusagen der Banken. Nur ein Covenant wurde etwas strikter gefasst.

Dennoch ist es den Kreditinstituten mit Sonderangeboten gelungen, Kreditpakete im Wert von fast zwölf Milliarden Dollar an Investoren weiterzureichen. Die Preisabschläge von vier Prozent müssen die Banken allerdings auf ihre Kappe nehmen. Profitiert haben dagegen die Käufer der Anleihen, unter denen sich neben anderen Buy-out-Firmen auch KKR befinden soll. Das nenne ich Chuzpe: Erst pochen Sie bei den Banken auf Vertragstreue und zwingen die Finanzhäuser dazu, die Anleihen im Sonderangebot anzubieten. Dann nutzen Sie die Gunst der Stunde und treten selbst als Käufer ihrer eigenen Schuldtitel auf.

Stimmen die Gerüchte an der Wall Street, sind Sie, Mr. Kravis, zusammen mit der Citigroup gerade dabei, daraus ein neues Geschäftsmodell zu machen und notleidende Kredite im großen Stil aufzukaufen. Dagegen wirkt der Anfang der Woche vorgestellte Rettungsfonds der Banken für illiquide Hypothekenprodukte wie eine Verzweiflungstat. Hier werden nur Probleme verschoben und nicht gelöst. Das Wettrennen der Cleversten gewinnen die Banken so jedenfalls nicht.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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