E-Mail von der Wall Street
Der Berg kreist

Hoch oben in dem kleinen Bergort Jackson Hole in den Rocky Mountains treffen sich an diesem Wochenende die Notenbanker der Welt zu ihrem jährlichen Brainstorming. Die Immobilienkrise in den USA und ihre Bedeutung für die Finanzmärkte stehen im Mittelpunkt der Tagung.

Nach Ausbruch der Krise erhoffen sich die versammelten Zentralbanker und Ökonomen vor allem von Ihnen, lieber Ben Bernanke, wegweisende Denkanstöße. Seit den Tagen von Alan Greenspan blickt die Welt in Finanzkrisen auf den Chef der US-Notenbank. Die Blicke sind meist hilfesuchend - und Ihr legendärer Vorgänger hat den Märkten fast immer den Rettungsring zugeworfen.

Auch jetzt mehren sich wieder die Stimmen, die nach der kurzfristigen Liquiditätsspritze im August eine weitere Geldinfusion fordern. Selbst ehemalige Fed-Gouverneure dringen auf eine zügige Leitzinssenkung, um den Flächenbrand auf den Kreditmärkten zu löschen. Andernfalls, so heißt es mit einem drohenden Unterton, werde die Fed von der Krise überrollt. Schon jetzt laufe die Notenbank den Ereignissen hinterher.

Ganz Unrecht haben die Kritiker nicht mit ihrer Mäkelei. Auch Sie und ihre Fed-Kollegen haben die Zeitbombe "Subprime" unterschätzt. Zu lange haben Sie davon gesprochen, die Immobilienkrise sei im Griff und werde keine Auswirkungen auf die Konjunktur haben. Der Brandbrief der Fed vom 17. August war deshalb auch ein Eingeständnis vorheriger Selbstgefälligkeit.

Es wäre jedoch fatal, wenn Sie ihre frühere Nachlässigkeit jetzt mit Übereifer wieder wettmachen wollten. Die Liquiditätshilfe im August war richtig und angemessen. Die Kreditklemme drohte nicht nur leichtsinnige Investoren, sondern auch gesunde Teile der Wirtschaft in Mitleidenschaft zu ziehen. Eine Leitzinssenkung wäre im Moment jedoch das falsche Signal. Würde die Fed damit doch vor allem jenen Hedge-Fonds aus der Patsche helfen, deren riskante Wetten geplatzt sind. Aus dem unseligen "Greenspan-Put" würde so ein "Bernanke-Put". Die nächste Blase wäre damit programmiert.

Die Aufgabe der Notenbanken ist es nicht, die Investoren vor den Folgen ihrer Spekulationen zu bewahren. Die Fed sollte nur dann mit einer Zinssenkung eingreifen, wenn der Markt die notwendige Korrektur nur noch um den Preis einer Rezession erzwingen kann.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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