E-Mail von der Wall Street: Der Maestro meldet sich

E-Mail von der Wall Street
Der Maestro meldet sich

Ruhestand hat etwas mit Ruhe zu tun. Davon kann bei Ihnen, lieber Alan Greenspan, jedoch keine Rede sein. Ein Jahr nach ihrem Ausscheiden als Chef der amerikanischen Notenbank haben Sie mal eben kurz gezeigt, dass der alte Maestro der Geldpolitik immer noch die Finanzwelt erschüttern kann.

An: alan.greenspan@maestro.com

Ihr Philosophieren über die theoretische Möglichkeit einer Rezession in den USA hat gereicht, um die Finanzmärkte rund um den Globus in die Knie gehen zu lassen. Natürlich haben die Chinesen beim Kursrutsch auch ein wenig mitgeholfen. Aber der wahre Meister weiß eben, wann er sich zu Wort melden muss.

Mit ihrem Unruhestand haben Sie Ihren Nachfolger Ben Bernanke ganz schön in die Bredouille gebracht. Der musste nach dem Börsenbeben die Scherben zusammenfegen und die nervösen Anleger wieder beruhigen. Ein faszinierendes Schauspiel. Der alte Fed-Chef warnt vor einer Rezession, der neue prophezeit eine weiche Landung der US-Wirtschaft. Kein Wunder, dass den Börsenhändlern da ganz schwindlig wird.

Bei Ihrem Abschied haben Sie versprochen, Sie würden sich jede geldpolitische Äußerung verkneifen. Nun kann man von dem größten Notenbanker aller Zeiten kaum erwarten, dass er sich nur noch zum Thema Baseball äußert. Aber mussten Sie gleich das böse „R-Wort“ in den Mund nehmen? Allerdings hat Ihre vorlaute Wortmeldung auch etwas Gutes. „Angesichts unserer historischen Erfahrungen müssen wir über das völlige Fehlen eines Risikobewusstseins (an den Märkten) sehr besorgt sein“, haben Sie Anfang der Woche gesagt. Das sollte man in Stein meißeln und ist wohl nur mit Ihrer legendären Warnung vor dem „irrationalen Überschwang“ während der Dotcom-Ära vergleichbar.

Verschwiegen haben Sie allerdings dabei, dass Ihre Geldpolitik mitverantwortlich dafür ist, dass viele Investoren sich heute in riskante Anlagen stürzen, als gäbe es kein Morgen. Der von Ihnen geschürte Glaube, dass die Notenbank im Notfall den Märkten schon zur Hilfe eilen werde, hat wesentlich zur heutigen Unbekümmertheit der Investoren beigetragen. Es ist deshalb nicht ohne Ironie, wenn gerade Sie das fehlende Risikobewusstsein der Anleger beklagen. Vielleicht sollten Sie doch besser Ihren Ruhestand genießen und zum Baseball gehen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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