E-Mail von der Wall Street
Des Rätsels Lösung

Alan Greenspan hatte als Präsident der amerikanischen Notenbank die Leitzinsen von ein auf 4,5 Prozent angehoben. Doch die Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren und mehr blieben völlig unbeeindruckt auf historischen Tiefständen. Was Greenspan nicht gelungen ist, hat sein Nachfolger Ben Bernanke gleich im ersten vollen Amtsjahr geschafft. Allerdings gegen seinen Willen.

Erinnern Sie sich noch an das "Conundrum" der Greenspan-Ära, lieber Ben Bernanke? Ihr legendärer Vorgänger an der Spitze der amerikanischen Notenbank hatte nach 2001 sukzessive die Leitzinsen von ein auf 4,5 Prozent angehoben. Das Problem war nur, dass die Zinsen am langen Ende dem Signal der Fed am kurzen Ende nicht folgen wollten. Die Renditen für US-Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren und mehr blieben völlig unbeeindruckt auf historischen Tiefständen.

Was Greenspan nicht gelungen ist, haben Sie, Mr. Bernanke, gleich im ersten vollen Amtsjahr geschafft: Die Renditen für langlaufende US-Staatsanleihen sind gestiegen. Allerdings gegen Ihren Willen. Obwohl Sie die Leitzinsen für Kredite unter Banken kräftig um 50 Basispunkte gesenkt haben, marschieren die Kreditkosten am langen Ende in die entgegengesetzte Richtung. Anders als bei Greenspan lässt sich das Rätsel der kurzen Bernanke-Ära aber relativ leicht aufklären.

Die Zinssenkung der Fed hat die Kreditklemme zwar gelockert und die Börsianer in Party-Laune versetzt. Die Investoren in langlaufende Anleihen haben jedoch einen gehörigen Schreck bekommen. Verliert die Notenbank die Inflation aus den Augen, fragen sich die Bondhändler besorgt. Höhere Preise drücken bekanntlich den Wert von Anleihen, weil die Gläubiger einen höheren Inflationsausgleich fordern.

So sind die Inflationserwartungen gemessen an den inflationsindexierten Staatsanleihen (Tips) auf den höchsten Stand seit einem Jahr gestiegen. Damals sorgte sich die Fed zunehmend über die Signale von der Preisfront. Jetzt hat die Notenbank diese Sorgen aus Angst vor einer drohenden Rezession beiseite geschoben. Die Zinssenkungen sollen die Immobilienkrise lindern. Aber tun sie das wirklich?

Die Zinsen für langlaufende Staatsanleihen sind zugleich ein Gradmesser für die Raten von Hypothekendarlehen und Unternehmensfinanzierungen. Durch das "Bernanke-Rätsel" sind also ausgerechnet die Kreditkosten für jene Teile der Wirtschaft gestiegen, denen die Fed eigentlich zur Hilfe eilen wollte. Die Wirtschaft ist eben viel komplexer, als sich das Notenbanker manchmal vorstellen. Wenn die Zinssenkung die Rezession am Ende also doch nicht abwenden kann, wissen wir zumindest, woran es gelegen hat.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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