E-Mail von der Wall Street
Die Furcht kehrt zurück

Was haben "subprime"-Hypotheken und "Junk Bonds" gemeinsam? Beide Finanzprodukte stehen im Moment auf der Schreckensliste der Wall Street ganz oben. Eine Warnung des Finanzministers, lieber Hank Paulson, war da längst überfällig.

an: henry.paulson@ustreasury.gov

Sie, lieber Hank Paulson, haben die wachsende Nervosität auf den Kreditmärkten gerade als einen "Weckruf" für die gesamte Finanzbranche bezeichnet, es mit riskanten Wetten nicht zu übertreiben. Diese Mahnung vom US-Finanzminister ist überfällig. Können die smarten Banker doch immer weniger mit dem Tempo der von ihnen selbst geschaffenen Finanzinnovationen Schritt halten.

Es ist kein Zufall, dass kurz nach dem Beinahe-Crash zweier Hedge-Fonds der Investmentbank Bear Stearns jetzt auf dem Markt für hochverzinsliche Firmenanleihen plötzlich ein neuer Brandherd entsteht. Dort haben Banken Probleme, die "Schrottanleihen" von Private-Equity-Firmen an den Mann zu bringen. Die Investoren streiken und fordern höhere Risikoprämien sowie mehr Sicherheiten. Auch auf dem Markt für verbriefte Hypothekenanleihen wurde den Kreditgebern kürzlich bewusst, auf welch riskantes Spiel sie sich eingelassen haben.

Die "subprime"-Krise und die Panikattacke auf den Bondmärkten sind Symptome einer weit verbreiteten Sorglosigkeit. Banken und Investoren haben sich viel zu lange von der scheinbar unendlichen Liquidität blenden lassen und die Risiken völlig ignoriert. "Es gibt keine Furcht mehr", stellte selbst ein Buyout-König wie Carlyle-Chef David Rubenstein besorgt fest.

Die Furcht ist zurückgekehrt. Vorbei sind die Zeiten, da Baufinanzierer in den USA mit geschlossenen Augen finanzschwachen Häuslebauern eine Hypothek zu 100 Prozent finanzierten. Und zu Ende geht auch die Ära, in der Finanzinvestoren ihre riskanten Firmenkäufe mit zinsgünstigen und kaum gesicherten Anleihen einfädeln können. Selbst die Banken werden wach. "Wir sagen immer häufiger nein", kündigte Bank-of-America-Chef Kenneth Lewis kürzlich mit Blick auf die Begierden der Private-Equity-Branche an.

Es wäre nicht das erste Mal, dass Buyout-Branche und Hypothekenspekulanten Arm in Arm auf einen Abgrund zumarschieren. Auch in den 80er-Jahren endete die damalige Ära der Sorglosigkeit mit einem allgemeinen Desaster. Ihr Weckruf, Mr. Paulson, kommt vermutlich zu spät.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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