E-Mail von der Wall Street
Ein Kaiser ohne Kleider

Der König ist tot, es lebe der Kaiser. Mit dem Rauswurf von Vorstandschef Martin Sullivan hat der amerikanische Versicherungskonzern AIG nur scheinbar einen Neuanfang gewagt. In gewisser Weise ist Ihre Berufung, Mr. Willumstad, sogar ein Rückschritt. Eine E-Mail an robert.willumstad@aig.com.

Als Chairman und jetzt auch als CEO halten Sie wieder alle Macht in den Händen. Damit wird jene Aufteilung der Führungspositionen rückgängig gemacht, die erst vor drei Jahren nach einem Bilanzskandal unter dem Druck der Finanzaufsicht eingeführt worden war. Fortschritt in guter Unternehmensführung sieht anders aus.

Auch sonst müssen Sie erst zeigen, wie Sie den erstarrten Versicherungskoloss flottmachen wollen. Zwar leiten Sie erst seit Ende 2006 den Verwaltungsrat (Board) von AIG. In dieser kurzen Zeit gab es einige Ungereimtheiten, die nicht nur für den geschassten CEO Martin Sullivan, sondern auch für den obersten Aufseher unangenehme Fragen aufwerfen. Bis heute ist zum Beispiel ungeklärt, wie es zu den "wesentlichen Schwächen" in der AIG-Bilanz kommen konnte. Die wurden Anfang des Jahres von Wirtschaftsprüfern aufgedeckt und beschäftigen jetzt die US-Justiz und die Börsenaufsicht SEC. Vom Chairman hätte man sich eine bessere Aufsicht gewünscht.

Nicht minder irritierend war die Entscheidung des Boards, das bröckelnde Kapital um zusätzlich 12,5 Mrd. Dollar aufzustocken und im gleichen Atemzug die Dividende um zehn Prozent zu erhöhen. Das ist in etwa so, als würde man einen Großbrand mit einem Sieb löschen wollen. Dass Sie, Mr. Willumstad, noch im Mai ihren Vorgänger Sullivan das volle Vertrauen ausgesprochen haben, gehört offenbar zu jenen Floskeln an der Wall Street, deren Halbwertszeit sich nur in Tagen bemessen lässt.

Wenn Sie jetzt eine radikale Überprüfung des AIG-Imperiums ankündigen und versprechen, dass es dabei "keine heiligen Kühe" geben werde, ist das erstmal lobenswert. Aber verzeihen Sie mir, wenn ich auch hier skeptisch bleibe. Schließlich haben Sie in den 90er-Jahren kräftig mitgeholfen, die Citigroup zu einem unregierbaren Bankenimperium zu machen. Dass aus einem "Eroberer" plötzlich ein Zuchtmeister wird, wäre ein beachtlicher Sinneswandel.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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