E-Mail von der Wall Street
Erneut in der Zwickmühle

In der Finanzwelt gibt es ein altes Sprichwort: "Don't bet against the Fed." Diese Warnung an die Investoren, nicht gegen den Kurs der US-Notenbank zu wetten, scheint überholt. Seit der letzten Notenbank-Sitzung Ende Oktober werden Sie, lieber Ben Bernanke, und Ihre Kollegen nicht müde, die Hoffnungen auf weitere Zinssenkungen zu dämpfen.

an: ben.bernanke@fed.gov

0,75 Prozentpunkte in den letzten zwei Monaten sind genug, heißt es verklausuliert in den Reden der Notenbanker. Die Risiken für Inflation und Wachstum seien nun ausgeglichen.

Es hat alles nichts genützt, lieber Ben Bernanke. Die Finanzmärkte erwarten mit einer fast 100-prozentigen Wahrscheinlichkeit eine weitere Lockerung der Zinszügel am 11. Dezember. Damit sind Sie wiederum in einer Zwickmühle, aus der man nur noch zwischen zwei Übeln wählen kann. Entweder die Fed bleibt hart und riskiert, die wegen der Finanzkrise ohnehin nervösen Märkte und Banken in Panik zu versetzen. Oder aber, die Notenbanker knicken ein und verspielen mit einer erneuten Zinssenkung den Rest ihrer Glaubwürdigkeit.

Auf den ersten Blick bleibt Ihnen gar keine andere Wahl, als dem Willen der Märkte zu folgen. Nicht nur, weil in der aktuellen Krise jeder Schock vermieden werden sollte. Folgt man der Konjunkturprognose der Fed, scheinen die Wachstumsrisiken doch etwas größer zu sein als die Inflationsgefahr. Mit einem erwarteten Wirtschaftswachstum von nur noch 1,8 Prozent im nächsten Jahr ist der Puffer gegen eine Rezession ziemlich dünn geworden.

Dennoch muss die Fed standhaft bleiben. Nicht nur aus Prinzip, um ihre Glaubwürdigkeit zu schützen. Sondern auch, weil eine weitere Zinssenkung die Folgen der Finanzkrise zwar mildern, ihre Ursachen aber nicht wirklich bekämpfen würde. Es fehlt nicht an Liquidität, sondern an Vertrauen. Solange nicht alle Risiken von Kreditderivaten in den Büchern von Banken, Hedge-Fonds und Versicherungen offengelegt sind, wird sich die Kreditklemme kaum lockern.

Um Mitte Dezember nicht einen Crash zu riskieren, sollten Sie, Mr. Bernanke, jetzt aktiv werden und den Märkten öffentlich und deutlich ins Gewissen reden. Die verfahrene Situation erfordert eine Blut-Schweiß und Tränen-Rede. Nur so lässt sich der absehbare Showdown noch verhindern.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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