E-Mail von der Wall Street
Ewig lockt das Geld

Viele rufen angesichts des Fusionsfiebers in der Wirtschaft nach den Kartellwächtern. Mir scheint der Ruf nach der Börsenaufsicht weitaus angebrachter zu sein. Hat doch der Übernahmeboom die Gier zurück in die Finanzmärkte gebracht. Insider-Fälle wohin man schaut.

Hier nur eine Auswahl der letzten Fälle: Ein Ehepaar in Hongkong kauft für 15 Mill. Dollar Dow-Jones-Aktien, kurz bevor der Medienbaron Rupert Murdoch sein überraschendes Kaufangebot auf den Tisch legt. Ein Banker von Credit Suisse soll sein Insiderwissen bei neun Übernahmen vergoldet haben. Kurz zuvor flog bei Morgan Stanley ein ganzer Ring auf, der sich über Jahre illegal Aktientipps zugespielt hatte. Sie und ihre Kollegen von der US-Börsenaufsicht SEC, lieber Christopher Cox, sind im vergangenen Jahr 46 solcher Insider-Fälle auf die Spur gekommen.

Dass die Versuchung des schnellen Geldes in Zeiten wächst, da Unternehmen beinahe jeden Tag einen neuen Deal bekannt geben, ist nicht ungewöhnlich. Neu ist aber, dass die Möglichkeiten sprunghaft gestiegen sind, daraus illegal Profit zu schlagen. Nehmen Sie das Beispiel Dow Jones. Ganze zwei Wochen lag die Offerte von Murdoch bei der Eigentümerfamilie und beim Management des Wirtschaftsverlages auf dem Tisch, bevor die Öffentlichkeit davon erfuhr. Zwar waren die Beteiligten gesetzlich nicht verpflichtet, das Angebot umgehend publik zu machen. Dennoch: Mit jedem Tag steigt das Risiko, dass Insider-Informationen illegal gehandelt werden. Zudem war der Kreis der Insider bei der Murdoch-Offerte ungewöhnlich groß.

Noch größer ist die tägliche Versuchung bei den Investmentbanken, deren Spezialisten bei den Verhandlungen über Fusionen meist mit am Tisch sitzen. Alle Finanzhäuser haben ihre Handelsaktivitäten in den vergangenen Jahren dramatisch ausgebaut. Als Prime Broker pflegen sie zudem ein besonders enges Verhältnis zu den Hedge-Fonds. So genannte "Chinese Walls" zwischen Händlern und Investmentbankern sollen den Missbrauch von Insider-Informationen verhindern. Doch die jüngsten Fälle zeigen, dass die Mauern sehr brüchig sind. Wie sagte doch schon der Finanzhai Gordon Gekko zu seinem Zauberlehrling Bud Fox in dem Film "Wall Street": "It's all about information."

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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