E-Mail von der Wall Street
Freund oder Feind?

E-Mail an: richard.fuld@lehman.com. Immer wieder Hedge-Fonds. In der Boomzeit haben Sie, lieber Richard Fuld, und Ihre Kollegen von der Wall Street die schwer durchschaubaren Finanzakrobaten umgarnt. Als „Prime Broker“ haben die Banker für die risikofreudigen Spekulanten deren Wetten abgewickelt und damit Milliarden verdient. Jetzt sind aus den Freunden plötzlich Feinde geworden.
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an: richard.fuld@lehman.com

Immer wieder Hedge-Fonds. In der Boomzeit haben Sie, lieber Richard Fuld, und Ihre Kollegen von der Wall Street die schwer durchschaubaren Finanzakrobaten umgarnt. Als "Prime Broker" haben die Banker für die risikofreudigen Spekulanten deren Wetten abgewickelt und damit Milliarden verdient. Jetzt sind aus den Freunden plötzlich Feinde geworden.

Hedge-Fonds, so Ihr Vorwurf, würden sich absprechen und in einer konzertierten Aktien gegen den Aktienkurs von Lehman Brothers wetten. Die Notierung ist seit Jahresbeginn immerhin um mehr als 30 Prozent gefallen. Ähnliche Vorwürfe gab es bereits von Bear Stearns, nachdem die Investmentbank durch Marktgerüchte innerhalb weniger Tage an den Rand der Zahlungsunfähigkeit getrieben wurde und nur mit Hilfe der Notenbank gerettet werden konnte.

Stimmt der Vorwurf, ist das kein Kavaliersdelikt. Ein abgesprochenes Vorgehen, um Aktienkurse nach unten zu bringen, erfüllt den Straftatbestand der Marktmanipulation. Dafür ist die Börsenaufsicht SEC zuständig, die jetzt Ermittlungen aufgenommen hat. Belegen lässt sich ein Manipulationsverdacht nur sehr schwer. Die Ermittler müssten kompromittierende E-Mails oder Kronzeugen finden. Nicht unmöglich, aber unwahrscheinlich.

Für die ewigen Kritiker der Hedge-Fonds sind die Klagen der Wall Street dennoch ein gefundenes Fressen. Lässt sich damit doch das landläufige Vorurteil schüren, die professionellen Spekulanten seien für die Finanzkrise verantwortlich. Dafür gibt es jedoch bislang keine stichhaltigen Belege. Im Gegenteil. Im Zentrum der Krise stehen nicht die kaum kontrollierten Hedge-Fonds, sondern die stark regulierten Banken. US-Notenbank-Chef Ben Bernanke hat gerade noch einmal bekräftigt, dass von den Fonds bislang keine Gefahr für das Finanzsystem ausgehe. Viele Finanzakrobaten leiden ähnlich wie andere Finanzinstitutionen unter der Kreditklemme. Fast täglich gehen Fonds unter, weil sie das Geld ihrer Investoren verzockt haben.

Es gibt viele Gründe, die Hedge-Fonds zu kritisieren. Deren mangelnde Transparenz und maßlosen Gebührenforderungen gehören dazu. Für die Finanzkrise und den Beinahe-Zusammenbruch einer schlecht geführten Investmentbank wie Bear Stearns kann man die Fonds jedoch nicht verantwortlich machen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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