E-Mail von der Wall Street
Gesetze der Chefetage

Das Jahr nähert sich dem Ende, und die Banker an der Wall Street warten ungeduldig auf ihre Prämien. Die Bonusse dürften im Krisenjahr 2007 zumindest für diejenigen geringer ausfallen, die sich im Geschäft mit riskanten Hypothekenanleihen eine blutige Nase geholt haben. Dazu gehören auch Sie, Mr. O'Neal.

an: stanley.oneal@mlalumni.com

Ist Merrill Lynch doch unter Ihrer Regie, Mr. O'Neal, zum Marktführer bei den inzwischen berüchtigten Collateralized Debt Obligations (CDOs) geworden. Die Quittung für dieses Roulettespiel auf den Kreditmärkten war eine Abschreibung von 8,4 Mrd. Dollar. Weitere Verluste werden in den nächsten Wochen folgen.

Zwar haben Sie über dieses Debakel Ihren Job verloren, arbeiten müssen Sie aber ohnehin nicht mehr. Merrill hat sie mit einem goldenen Handschlag von 161 Mill. Dollar in den vorzeitigen Ruhestand geschickt. Einige Ihrer Kollegen empfinden es dennoch als ungerecht, dass Sie für nur einen Fehler beim Risikomanagement gleich mit Ihrem Kopf bezahlen müssen. Schließlich hätten Sie doch dafür gesorgt, dass Merrill in den Vorjahren einen Rekordgewinn nach dem nächsten einfahren konnte.

Doch wer genau nachrechnet, kommt zu einem weniger schmeichelhaften Ergebnis. So ist der Gewinn für Merrill unter Ihrer Regentschaft von 2003 bis 2006 um gut fünf Mrd. Dollar gestiegen. Für diese scheinbare Glanzleistung hat Sie die Bank in den letzten drei Jahren bereits mit Gehaltszahlungen von insgesamt 116 Mill. Dollar fürstlich belohnt. Durch die Abschreibungen für das Subprime-Abenteuer sind die Gewinnzuwächse aus Ihrer Ära jedoch bereits jetzt mehr als aufgezehrt worden. Es wäre deshalb besser gewesen, sie hätten sich mit den üppigen Gehältern der Vergangenheit zufrieden gegeben. Der Nachschlag in Millionenhöhe dürfte besonders jene Merrill-Mitarbeiter verbittern, deren Bonuszahlungen jetzt zusammengestrichen werden und die möglicherweise auch noch um ihren Job fürchten müssen.

Es bleibt der fatale Eindruck, dass in den Chefetagen der Wall Street andere Gesetze gelten als in den Büros darunter. Das Gejammer darüber, dass an der Finanzmeile allzu schnell kurzer Prozess mit den Top-Bankern gemacht wird, klingt hohl. Fakt ist: Die geschassten Finanzprofis hatten weder ihre eigenen Risiken noch die ihrer Banken im Griff.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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