E-Mail von der Wall Street
Grenzen des Wachstums

Wenn die Versuchung unwiderstehlich ist, werden selbst hehre Grundsätze über Bord geworfen. So muss man sich wohl erklären, lieber Kenneth Lewis, warum Sie mit Ihrer Bank of America wieder auf Einkaufstour gehen. Und das, obwohl Sie Ihren Aktionären nach den Zukäufen der letzten Jahre versprochen haben, das Wachstum „organisch“ voranzutreiben.

an: ken.lewis@bankofamerica.com

Im Moment tanzen Sie, lieber Kenneth Lewis, gar auf drei Übernahmehochzeiten: In Chicago wollen Sie von ABN Amro die Bank LaSalle kaufen. Kurz vorher haben Sie zusammen mit JP Morgan und zwei Private-Equity-Firmen das Kreditinstitut Sallie Mae geschluckt. Und bis Juli müssen sie noch den Kauf der Bank US Trust von Charles Schwab unter Dach und Fach bringen. Wie sich das mit der versprochenen Konsolidierung der früheren Übernahmen verträgt, müssen Sie ihren Aktionären noch erklären, Herr Lewis.

Auf der Hauptversammlung haben Sie ihren Rückfall ins Übernahmefieber mit dem Hinweis verteidigt, dass „gute Unternehmen“ sowohl organisch wachsen als auch weitere Zukäufe verkraften könnten. Das ist im Prinzip richtig. Und Sie haben mit der erfolgreichen Integration von FleetBoston auch gezeigt, dass Bank of America dazu in der Lage ist. Dennoch werfen Ihre jüngsten Schachzüge Fragen auf. Zum einen müssen Sie den US-Aufsichtsbehörden erklären, wie sie die gesetzliche Grenze für Bankeinlagen nach dem Kauf von LaSalle einhalten wollen. Bank of America hat den zulässigen Marktanteil von zehn Prozent aller Bankeinlagen in Amerika fast erreicht. Mit LaSalle würden Sie diese Marke überschreiten und müssten sich von Geschäftsteilen trennen.

Wenn die Bank of America jedoch auf ihrem Heimatmarkt ohnehin an ihre Grenzen stößt, fragen sich die Aktionäre zu Recht, worin eigentlich das Wachstumspotenzial ihrer Anteile besteht. Darauf gibt es zwei mögliche Antworten: Sie können mit Bank of America aus eigenen Kräften wachsen. Damit wären wir wieder am Anfang der Geschichte. Oder aber Sie kaufen im Ausland zu. Ihr Wunschkandidat Barclays will gerade durch eine Fusion mit ABN Amro in die erste Liga der globalen Banken aufsteigen. Ziehen die Briten dabei den Kürzeren, wäre der Weg für Sie frei, Herr Lewis.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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