E-Mail von der Wall Street
Halloween bei Merrill

Preisfrage: Wie verliert man 3,4 Milliarden Dollar in drei Wochen? Antwort: Man durchforstet die Bilanzen der Wall Street nach Subprime-Leichen. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. In Ihrem Fall, Mr. O?Neal, ist beides verdient.

An: stanley.oneal@ml.com

Dass Ihre Investmentbank Merrill Lynch innerhalb eines Monats den Wert ihres Portfolios gleich zwei Mal kräftig zusammenstreichen musste, hat nicht nur dem Bullen in Ihrem Firmenlogo die Hörner gestutzt. Sie, Mr. O?Neal, haben das Vertrauen in die gesamte Branche erschüttert.

Insbesondere die Investmentbanker waren bislang stolz auf ihr ausgeklügeltes Risikomanagement. "Wir kennen unsere Risiken und bewerten sie jeden Tag neu", sagte vor kurzem Goldman-Chef Lloyd Blankfein dem Handelsblatt und stellte sich damit schützend vor die Wall-Street-Häuser. Das mag für seine Bank zutreffen, für Merrill offensichtlich nicht. Dass Sie, Mr. O?Neal, die neuerlichen Abschreibungen auf riskante Finanzprodukte mit einer "rigoroseren" Bewertung begründen, ist schon erstaunlich. Wie haben Sie die gleichen Produkte Anfang Oktober bewertet? Pi mal Daumen?

Es ist schon peinlich genug, dass sie als Investmentbanker den Wert ihres Vermögens nicht richtig einschätzen können. Grund zur Sorge gibt es aber vor allem deshalb, weil Sie auch beim Ausblick auf die kommenden Monate immer noch im Nebel stochern. Auf die Frage eines Analysten, ob es noch weiteren Korrekturbedarf gebe, zuckten Sie nur die Schultern. Die Lage sei unsicher, heißt es lapidar. Das ist vermutlich ehrlich. Beruhigend ist es nicht.

Für das verblüffte Publikum sollte der Doppelschlag von Merrill eine Warnung sein, die Aussagen der Banker in diesen Tagen nicht für bare Münze zu nehmen. Offensichtlich sind die von den Finanzprofis in den letzten Jahren geschaffenen Kreditprodukte so komplex, dass selbst die vermeintlichen Herren des Universums nicht mehr durchblicken. Das ganze Desaster erinnert fatal an die Ballade vom Zauberlehrling. Darin hatte Goethe bereits weitsichtig geschrieben: "Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los." Passend zu Halloween werden also weiterhin Subprime-Leichen durch die Wall Street geistern und für Angst und Schrecken sorgen. Wer geht als nächstes in den Keller?

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%