E-Mail von der Wall Street
Hart, aber fair

Folgt man Ihren Worten, lieber Herr Ackermann, ist das Ende der Finanzkrise bereits in Sicht. Bei dem Bemühen, die richtigen Lehren aus dem Debakel der vergangenen zehn Monate zu ziehen, zeichnet sich jedoch bereits die nächste Krise ab. Eine E-Mail von der Wall Street.
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Folgt man Ihren Worten, lieber Herr Ackermann, ist das Ende der Finanzkrise bereits in Sicht. Bei dem Bemühen, die richtigen Lehren aus dem Debakel der vergangenen zehn Monate zu ziehen, zeichnet sich jedoch bereits die nächste Krise ab. Goldman Sachs hat gedroht, den von Ihnen geführten internationalen Bankenverband IIF zu verlassen. Grund dafür ist ein Streit darüber, wie Banken künftig riskante Wertpapiere wie Hypothekenanleihen und Derivate in ihrer Bilanz bewerten sollen.

Sie und der IIF plädieren dafür, die bislang strenge Bewertung mit aktuellen Marktpreisen (mark-to-market) zu lockern und den Banken zu erlauben, in Krisenzeiten auf ihre eigenen Bewertungsmodelle zurückzugreifen. Nur so lasse sich eine Abwertungsspirale verhindern, die weit über den "fairen" Wert der Papiere hinausschieße. Goldman und die meisten Bilanzexperten sind anderer Meinung und beharren darauf, dass es keinen besseren Bewertungsmaßstab gibt als die Marktpreise. Nur so lasse sich das Vertrauen der Investoren zurückgewinnen. Die IIF-Vorschläge bezeichnen die Goldmänner als Wunschdenken à la "Alice im Wunderland".

Das ist noch recht freundlich ausgedrückt. Man könnte auch fragen, woher die Banken die Chuzpe nehmen, den Teufel mit dem Belzebub austreiben zu wollen. Zur Erinnerung: Es waren die Bewertungsmodelle vieler Finanzinstitute, die versagt und uns die größte Finanzkrise der letzten 80 Jahre eingebrockt haben. Warum wir bei künftigen Marktverwerfungen ausgerechnet auf jene Risikomanager vertrauen sollen, die den letzten Stresstest nicht bestanden haben, muss der IIF noch erklären. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass die Banken in der Boomzeit die damals überhöhten Marktpreise für ihre ominösen Finanzprodukte infrage gestellt haben. Vielmehr hat man geschwiegen und sich reich gerechnet.

Eine Lehre aus der Krise muss deshalb sein, die Bewertungsspielräume der Banken zu begrenzen. Die nötige Reform der internationalen Kapitalvorschriften (Basel II) bietet dazu eine erste Gelegenheit. Die zyklischen Ausschläge der "mark-to-market"-Bewertung sind zwar ein Problem. Wir verhindern künftige Krisen jedoch nicht dadurch, dass wir die Disziplin des Marktes außer Kraft setzen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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