E-Mail von der Wall Street
Leichen in der Bilanz

Sind wir jetzt schlauer? Nachdem die ersten großen Wall-Street-Banken in dieser Woche ihre Ergebnisse für das stürmische dritte Quartal vorgelegt haben, sollten wir eigentlich wissen, wie die Finanzkrise bei ihnen zu Buche geschlagen hat. Doch die Realität sieht anders aus.

Zwar ahnen wir jetzt, dass die Investmentbanken zwischen vier und sieben Prozent ihrer Kredite für Firmenübernahmen abschreiben müssen. Der Teufel steckt jedoch im Detail - und über die Details hüllen sich die Banker weiter in Schweigen.

Das macht es für die Investoren ungemein schwierig, sich ein klares Bild von der Lage der einzelnen Banken zu machen. Für Transparenz zu sorgen, ist jedoch Ihr Job, lieber Mr. Cox. Als Chef der Börsenaufsicht SEC sollten Sie sich vor allem einmal anschauen, wie die Banker ihre Bilanzrisiken bewerten.

Dabei gilt folgende Faustregel: Je leichter sich die Vermögensteile vermarkten lassen, desto leichter sind sie zu bewerten. In der Vertrauenskrise lassen sich viele strukturierte Finanzprodukte jedoch nicht an den Mann bringen. Mit Hypotheken besicherte Commercial Paper sind nahezu unverkäuflich. So ticken tief in den Bilanzen einige Zeitbomben.

Seit 2006 haben die Banken auf Drängen der SEC damit begonnen, ihr Finanzvermögen in drei unterschiedliche Kategorien einzuteilen. Im sogenannten Level I finden sich alle Vermögensteile, die sich mit Marktpreisen bewerten lassen. Im Level II muss man schon Modelle zur Hilfe nehmen, um eine genaue Vorstellung zu bekommen. Die meisten Derivate gehören in diese Schublade. Und im Level III handelt es sich nur noch um Schätzungen des Managements, weil im Moment niemand das ebenso riskante wie komplexe Zeug haben will.

Im Vorquartal fielen bei den Wall-Street-Banken etwa zehn Prozent aller Vermögensteile in die riskante Kategorie "Ladenhüter". Lehman hat jetzt eingeräumt, dass es durch die Finanzkrise zu erheblichen Bewegungen zwischen den Kategorien gekommen ist. Unterm Strich sei der Anteil im Level III nur leicht auf "etwa elf Prozent" gestiegen. Bei Goldman sind es jetzt sieben statt sechs Prozent. Die anderen Banken haben sich bislang kaum zu ihren unverkäuflichen Leichen im Bilanzkeller geäußert. Wenn die Banken jedoch das Vertrauen der Investoren wiederherstellen wollen, sollten sie reinen Tisch machen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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