E-Mail von der Wall Street
Lloyd im (Un-) Glück

Glaubt man den Analysten an der Wall Street, wird die US-Investmentbank Goldman Sachs in der nächsten Woche einen Gewinneinbruch von gut 60 Prozent für das erste Quartal vermelden. Das wäre das schlechteste Ergebnis seit drei Jahren. Ist also die Glückssträhne von Goldman-Chef Lloyd Blankfein zu Ende?
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an: lloyd.blankfein@gs.com

Ende vergangenen Jahres haben viele über das Erfolgsgeheimnis von Goldman Sachs in der Finanzkrise gerätselt. Mit einer Mischung aus Understatement und Ehrlichkeit haben Sie, lieber Lloyd Blankfein, das gute Abschneiden Ihrer Bank vor allem auf "Glück" zurückgeführt. Die Glückssträhne neigt sich offenbar ihrem Ende zu. Glaubt man den Analysten an der Wall Street, wird Goldman in der nächsten Woche einen Gewinneinbruch von gut 60 Prozent für das erste Quartal vermelden. Das wäre das schlechteste Ergebnis seit drei Jahren.

Seht her, werden jetzt einige Besserwisser sagen, die Goldmänner haben also auch Subprime-Leichen im Keller. Das trifft jedoch nicht den Kern der Probleme der Investmentbank und erklärt kaum, warum nun auch der Branchenprimus stärker in den Sog der Krise hineingezogen wird. Vielmehr ist es so, dass der Tsunami jetzt auch die letzten Bastionen der Finanzwelt erreicht hat. Der gewerbliche Immobilienmarkt ist dafür ein gutes Beispiel. Obwohl hier andere Regeln als im Subprime-Casino gelten und Experten beteuern, der Markt sei im Kern gesund, stehen die Investments unter Stress. Analysten erwarten hier eine Abschreibung im dreistelligen Millionenbereich für Goldman.

Noch schmerzhafter dürften die Wertberichtigungen auf hochverzinsliche, aber eben auch hochriskante Übernahmefinanzierungen sein. Goldman gehörte zu den größten Finanziers des Private-Equity-Booms und hatte am Ende des letzten Geschäftsjahres noch offene Kreditzusagen von 42 Mrd. Dollar in den Büchern stehen. Experten sagen jetzt Abschreibungen von bis zu 1,7 Mrd. Dollar voraus, weil sich die Kreditpakete nur noch mit deutlichen Abschlägen an Investoren weiterverkaufen lassen.

Zudem hat die Krise jetzt auch das Kerngeschäft der Investmentbanker erreicht. Die Gebühreneinnahmen der Branche für die Beratung bei Fusionen und Übernahmen haben sich halbiert. So liegt die große Hoffnung diesmal allein auf den Händlern von Goldman, die in der Vergangenheit schon so oft für spektakuläre Gewinne gesorgt haben. Verlassen sollte man sich darauf allerdings nicht. Handelsgewinne sind oft Glückssache. Und dass das Glück nicht ewig anhalten kann, haben Sie, Lloyd Blankfein, in den letzten Wochen auffällig oft betont.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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