E-Mail von der Wall Street
Notenbanker mit Herz

Die Hauptsorge der Notenbanker gilt der Preisstabilität, dachte ich bislang. Wenn ich mir allerdings die jüngsten Äußerungen von Ihnen, lieber Jean-Claude Trichet, und ihrer Kollegen in den USA ansehe, komme ich zu dem Schluss, dass Sie sich mindestens ebenso sehr um die soziale Stabilität diesseits und jenseits des Atlantiks sorgen.

an: jean-claude.trichet@ecb.int

Lieber Jean-Claude Trichet, Sie warnen vor allzu hohen Managergehältern. Und Ihr Kollege Ben Bernanke hielt kürzlich eine lange Rede über die destabilisierenden Wirkungen der wachsenden sozialen Ungleichheit in den USA. Da soll noch einer sagen, Notenbanker hätten kein soziales Herz.

Sie müssen es den Gewerkschaften allerdings nachsehen, dass sie misstrauisch reagieren, wenn Notenbanker jetzt als Vorkämpfer für mehr soziale Gerechtigkeit auf die Barrikaden gehen. Haben die Zentralbanken doch jahrelang für Lohnzurückhaltung plädiert, um die Inflation im Zaum zu halten. Ihr Einwurf, Herr Trichet, war daher wohl mehr ein Aufruf zur Mäßigung an die Top-Manager als eine Aufforderung an die Arbeitnehmer, mehr Lohn zu verlangen.

Dass den Währungshütern angesichts der ungleichen Verteilung der Globalisierungsgewinne mulmig wird, zeigt jedoch zweierlei: Das Problem ist brennender, als viele es bislang wahrhaben wollen. Und: Eine Lösung haben selbst die klügsten Ökonomen bislang nicht gefunden. So rät Fed-Chef Bernanke dazu, den Verlierern des globalen Wettrennens mit Einkommensbeihilfen und Weiterbildungsangeboten zur Seite zu springen. Das ist gut gemeint, hilft aber dem 50-jährigen Arbeiter wenig, wenn sein Job nach Asien exportiert wird.

Der Princeton-Ökonom und ehemalige Fed-Gouverneur Alan Blinder warnt deshalb davor, den enormen Anpassungsdruck der Globalisierung auf die leichte Schulter zu nehmen. Er schätzt, dass allein in den USA in den nächsten 20 Jahren bis zu 40 Millionen Jobs vom globalen Wettbewerb betroffen sein werden. Ein derart massiver Schock, so Blinder, sei nur mit den epochalen wirtschaftlichen Veränderungen nach der Industriellen Revolution zu vergleichen. Die Amerikaner sollten sich nach Meinung des ehemaligen Notenbankers daher auf Tätigkeiten konzentrieren, die sich nicht so leicht exportieren ließen. Ein Rat, der ebenso viel Ohnmacht zeigt wie Ihr Aufruf an die Spitzenmanager.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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