E-Mail von der Wall Street
Ohne Fortune

Ihren Karriereabend in Washington haben Sie sich vermutlich anders vorgestellt, lieber Hank Paulson. Statt als US-Finanzminister die Ernte eines fünfjährigen Booms einzufahren, eilen Sie als ökonomischer Feuerwehrmann von Brandherd zu Brandherd, um die USA vor einem Feuersturm zu retten. Die Bilanz sieht nicht gerade rosig aus.

an: henry.paulson@ustreasury.gov

Die Chinesen haben sich von Ihnen, lieber Hank Paulson, bisher nicht zu einer nennenswerten Aufwertung ihrer Währung überreden lassen. Durch den Sinkflug des Dollars hat sich die Außenhandelsbilanz zwar verbessert, die protektionistischen Stimmen im Kongress sind aber nicht leiser geworden.

Zugleich hat der taumelnde Greenback Inflationsängste geweckt und den nationalen Stolz verletzt. Nur halbherzig haben Sie versucht, den Rutsch aufzuhalten. Die Litanei, dass "ein starker Dollar im nationalen Interesse" liege, nimmt Ihnen niemand mehr ab. Weltweit herrscht der fatale Eindruck vor, dass die US-Währung die Rückendeckung der eigenen Regierung verloren hat. Kein Wunder, dass Chinesen und Araber darüber nachdenken, ihre Währungsreserven in Euro umzuschichten.

Doch entscheiden wird sich das Schicksal Ihrer politischen Karriere durch den Ausgang der aktuellen Finanzkrise. Werden die Früchte des Aufschwungs in der Kreditklemme zermahlen und stürzen die USA in eine Rezession, wird Ihr Name im Wahljahr 2008 mit dem ökonomischen Scheitern der Bush-Administration verbunden bleiben.

Bereits jetzt muss man festhalten, dass Sie - wie übrigens fast die gesamte ökonomische Elite Amerikas - das Ausmaß der Krise unterschätzt haben. Seit klar ist, dass der Häusermarkt die gesamte US-Wirtschaft mit in den Abgrund reißen kann, herrscht in Washington Großalarm. Der einzige Beitrag der Politik zur Lösung der Finanzkrise ist bisher jener ominöse Rettungsfonds, der die Großbanken vor den Verlusten ihrer Investmentvehikel schützen soll. Sie gelten als Vater der umstrittenen Idee. Nach Meinung des Ökonomen Nouriel Roubini kommt der Vorschlag nicht nur zu spät, sondern ist auch zum Scheitern verurteilt. Statt die wahren Verluste offen zu legen, wird der Tag der Wahrheit für die Banken nur weiter hinausgeschoben. Von einem Veteranen der Wall Street hätte man sich mehr gewünscht.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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