E-Mail von der Wall Street
Peinliche Liste

Ihre Behörde, lieber Mr. Cox, hat im Ausland einen Ruf wie Donnerhall. Die drei Buchstaben SEC genügen, um selbst gestandenen Vorstandschefs die Blässe ins Gesicht zu treiben. Mit der amerikanischen Börsenaufsicht möchte sich niemand gerne anlegen.

an: christopher.cox@sec.gov

Ihre Ermittler, lieber Mr. Cox, gelten als aggressiv, ihr langer Arm reicht bis nach München und noch weiter. Diese Macht ist es auch, die viele junge Juristen zur SEC lockt. Die Gehälter sind nicht gerade üppig, aber für das Ego und die Karriere ist ein Job bei der Börsenaufsicht wie ein Turbolader.

Mit der Macht kommt aber auch die Verantwortung. Und hier hapert es manchmal. Jüngstes Beispiel ist dafür der peinliche Rückzug eines Weblinks im Internet, mit dem Ihre Behörde die Verbindungen von Unternehmen zu so genannten "Schurkenstaaten" aufdecken wollte. Kaum war die Blacklist im Netz, hagelte es Proteste der Betroffenen. Vor allem ausländische Firmen schäumten hinter vorgehaltener Hand. Nichts da, hieß es zunächst aus Washington, wir müssen unsere Investoren schützen und außerdem beziehen wir uns auf allgemein zugängliche Informationen aus den Geschäftsberichten. Die Liste bleibt, wo sie ist. Das war Anfang Juli.

Zwei Wochen später kommt dann die überraschende Mitteilung, die schwarze Liste werde vorerst vom Netz genommen. Die Informationen seien nicht mehr ganz up to date und es gebe Verbesserungsbedarf. Insider berichten, dass die SEC mit einem groben Suchprogramm nach "Schurkenstaaten" wie Iran und Sudan gefahndet habe. Ob die gebrandmarkten Firmen in nennenswertem Umfang Geschäftskontakte in die Parialänder gepflegt haben, lässt sich so natürlich nicht feststellen. Das Pharmaunternehmen Immtech landete zum Beispiel nur deshalb auf der Liste der angeblichen Terrorförderer, weil es Pillen gegen die Schlafkrankheit im Sudan klinisch getestet hat.

Das ist wahrlich keine Glanzleistung Ihrer Behörde, Mr. Cox. Hätten sich nicht US-Kongressabgeordnete aus Angst um das Ansehen des Finanzplatzes Amerika bei Ihnen beschwert, die Liste wäre wohl noch immer online. Der Fauxpas zeigt, dass in Washington auch nur mit Wasser gekocht wird. Alle, die beim Namen SEC gleich weiche Knie bekommen, sollten sich in Zukunft daran erinnern.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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