E-Mail von der Wall Street
Schein und Wirklichkeit

Als ich vor etwas mehr als sieben Jahren nach New York kam, hatte ich einen ganzen Packen von gut gemeinten Warnungen im Gepäck. Kollegen warnten mich vor einem damals neuen Präsidenten, der ein "Langweiler" aus der texanischen Provinz und ohne Ambitionen sei. Eine E-Mail an newyork@america.com.

Die Leute warnten mich natürlich vor den berüchtigten "amerikanischen Verhältnissen", die einem Europäer das Leben vergrätzen würden. Auch der Ruf der US-Wirtschaft als Innovationsmotor der Welt sei eine reine Marketing-Erfindung der Amerikaner. Und an der Wall Street herrsche ohnehin die nackte Profitgier.

Man kann über George W. Bush sagen, was man will: Ein Langweiler ist er sicher nicht. Die "amerikanischen Verhältnisse" gibt es wirklich, aber die US-Gesellschaft ist weitaus humaner als wir Europäer uns das eingestehen wollen. Müssten wir doch zugeben, dass Privatinitiative, starke Kommunen und Philanthropie oft mehr ausrichten können als der Staat. Die US-Wirtschaft hat insbesondere nach der Finanzkrise einiges von ihrem Nimbus als Konjunkturlokomotive der Welt eingebüßt. Doch Schadenfreude ist angesichts der globalen Abhängigkeiten nicht nur unangebracht, sondern auch verfrüht.

Man kann nämlich die letzten sieben Jahre auch anders lesen: Eine geplatzte Technologieblase, die Terroranschläge vom 11. September, der Enron-Skandal, der Gegenschlag von Sarbanes-Oxley, die größte Immobilien- und Finanzkrise seit 80 Jahren - und Amerika steht noch! Es gibt nur wenige Volkswirtschaften, die eine ähnliche Kette von Rückschlägen so gut verdaut hätten wie die USA. Das große Schumpeter-Wort von der "schöpferischen Zerstörung" beschreibt den Charakter der US-Wirtschaft besonders gut. Das trifft übrigens auch auf die Wall Street zu. So groß, wie die Exzesse der letzten Jahre waren, so radikal wird jetzt auch aufgeräumt - bis hinauf in die Topetagen der Banken. Können wir Europäer das von uns behaupten?

Lieber Leser, Sie haben es bereits gemerkt, dies ist meine letzte E-Mail von der Wall Street. Nach sieben Jahren in New York werde ich im Sommer nach Zürich wechseln. Dort werde ich mich nicht nur mit den Schweizer Banken befassen, sondern auch weiterhin über internationale Finanzthemen schreiben. Ab August melde ich mich mit einer neuen Kolumne zu Wort: Rieckes Rückfrage!

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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